Jesus stellt seinen Jüngern eine eindringliche Frage: „Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen?“ (Lk 6,39). Dieses Bild ist ebenso einfach wie kraftvoll. Es weist uns auf eine tiefe Wahrheit hin: Wer nicht selbst klar sieht, kann auch ...
Jesus stellt seinen Jüngern eine eindringliche Frage: „Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen?“ (Lk 6,39). Dieses Bild ist ebenso einfach wie kraftvoll. Es weist uns auf eine tiefe Wahrheit hin: Wer nicht selbst klar sieht, kann auch andere nicht führen. Doch worum geht es Jesus wirklich?
Sehen ist in der Bibel oft mehr als nur ein physischer Vorgang. Es bedeutet Erkennen, Verstehen, Weisheit. Jesus spricht hier nicht von physischer Blindheit, sondern von geistiger. Wer sich selbst nicht kritisch hinterfragt, wer sich seinen eigenen Schwächen und Irrtümern nicht stellt, kann andere nicht auf einem guten Weg begleiten.
Der Splitter und der Balken
Jesus fährt fort mit einem weiteren eindrücklichen Bild: „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“ (Lk 6,41). Wie schnell sind wir dabei, die Fehler anderer zu sehen – die unfreundliche Bemerkung eines Kollegen, die Ungerechtigkeit eines Vorgesetzten, die Schwächen unserer Mitmenschen. Doch wie oft übersehen wir unsere eigenen Fehler?
Jesus fordert uns auf, zuerst uns selbst zu hinterfragen, bevor wir andere verurteilen. Das bedeutet nicht, dass wir Unrecht oder Fehlverhalten ignorieren sollen. Aber es bedeutet, dass wahres Urteilen immer mit Selbstreflexion beginnt.
Ein guter Baum bringt gute Früchte
Die abschließenden Worte dieser Evangeliumsstelle sind ebenso klar: „Jeder Baum wird an seiner Frucht erkannt.“ (Lk 6,44). Ein gesunder Baum bringt gute Früchte hervor, ein kranker Baum schlechte. Auch unser Leben wird an den „Früchten“ erkennbar, die wir hervorbringen – an unseren Worten, Taten, unserem Umgang mit anderen.
Gute Absichten reichen nicht aus. Ein Mensch mit bitterem Herzen wird früher oder später Bitterkeit verbreiten, so wie ein liebevoller Mensch Liebe weitergibt. Unsere Worte und unser Handeln sind Ausdruck unseres inneren Zustands.
Ein Text, der heute herausfordert
Diese Verse aus dem Lukasevangelium sind zeitlos aktuell. In einer Welt voller schneller Urteile und harscher Kritik – verstärkt durch soziale Medien – erinnert uns Jesus daran, zuerst in den Spiegel zu schauen.
• Wo beurteile ich andere vorschnell, ohne mich selbst kritisch zu hinterfragen?
• Welche „Früchte“ bringe ich in meinem Leben hervor?
• Führe ich andere, ohne selbst den richtigen Weg zu kennen?
Diese Worte Jesu sind keine moralische Belehrung von oben herab, sondern eine Einladung zur Selbstprüfung und zur inneren Reinigung. Wer klar sehen kann, kann anderen helfen, ebenfalls klar zu sehen. Wer sein Herz reinigt, kann Gutes hervorbringen.
Am Ende stellt sich also nicht nur die Frage: „Was sehe ich im anderen?“ – sondern vor allem: „Was wächst in mir?“
Dragan Juric, Seelsorger