WORT ZUM SONNTAG
27.03.2026 Wort zum SonntagErfrischend ver-rückter Palmsonntag
Ich muss gestehen: Ich mag Menschen, die auch mal etwas Verrücktes machen. Ich empfinde es manchmal als sehr erfrischend, Gewohnheiten mutig zu verrücken. So bereite ich beispielsweise meine Predigten nicht immer an meinem ...
Erfrischend ver-rückter Palmsonntag
Ich muss gestehen: Ich mag Menschen, die auch mal etwas Verrücktes machen. Ich empfinde es manchmal als sehr erfrischend, Gewohnheiten mutig zu verrücken. So bereite ich beispielsweise meine Predigten nicht immer an meinem Schreibtisch, sondern auch manchmal gerne an ganz verschiedenen Orten: Ob am Esstisch, im Wohnzimmer oder in der Schule, ob im Pfarrgarten, im Gasthaus oder im Zug – ich liebe es, meinen gewohnten Arbeitsplatz zu verrücken. Für manche absolut verrückt, für mich erfrischend verrückt. Denn dieses Verrücken meiner Gewohnheit setzt in mir erfrischende Kreativität und befreiende Lebensfreude frei.
Ich muss gestehen: Mir gefallen die Menschen, die vor 2000 Jahren auch etwas Verrücktes gemacht haben, als Jesus auf einem Esel nach Jerusalem wie ein Friedenskönig einzog. Es war die Zeit kurz vor dem Passahfest im Frühling, dem Fest der Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten. Alle Familien waren gerade dabei, alles in Jerusalem für das Passahfest vorzubereiten: Das Passahlamm, ausreichend Wein und ungesäuertes Brot. Aber als Jesus auf dem Esel nach Jerusalem kam, da machten sie spontan etwas, was eigentlich nur im Herbst beim Laubhütten-Fest, einem Erntedankfest, als Erinnerung an die Wüstenzeit Israels auf dem Weg ins gelobte Land gemacht wurde: Zuerst gingen sie mit Palmzweigen Jesus entgegen und dann riefen sie Hosianna, was übersetzt bedeutet: „Bitte, rette doch!“ Sowohl Palmwedel als auch der Hosianna-Ruf waren eigentlich typisch für das Herbstfest und nicht für das Frühlingsfest. Sie haben zwei Fest-Elemente einfach vom Herbst in den Frühling verrückt. Echt erfrischend verrückt! Das wäre ungefähr so, wenn wir zu Weihnachten Palmbuschen binden und in der Passionszeit das Adventlied „Tochter Zion“ singen würden. Damals wie heute: Echt verrückt. Aber für mich auch erfrischend inspirierend: Gehören doch Weihnachten und Passionszeit zusammen wie zwei Puzzle-Teile, die sich ergänzen: Denn wenn wir zu Weihnachten „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen seines Wohlgefallens“ mit Sehnsucht nach Frieden in dieser Welt singen, dann passt dies absolut zur Passionszeit vor Ostern: Hat doch Jesus seinen Freunden Gottes Frieden schon in der Karwoche vor Ostern zugesagt: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“
Ich muss gestehen: Ich mag Jesus, der oft unsere Gewohnheiten und Maßstäbe auf erfrischende Weise verrückt. Nicht derjenige ist der Dumme, der anderen vergibt und nicht nachtragend ist, sondern für Jesus ist der Nachtragende der Dumme: Nämlich derjenige, der anderen alles nachträgt und nicht vergibt. Hat doch der Nachtragende die größte Last zu tragen und nicht derjenige, dem etwas nachgetragen wird. Der nicht Nachtragende kann daher frisch, fromm, fröhlich und frei aufleben. Denn so ist Glaube: Manchmal echt erfrischend verrückt. Einen solchen erfrischend ver-rückten
Palmsonntag wünscht allen
Euer Pfarrer
André Manke
