WORT ZUM SONNTAG
29.08.2025 Wort zum Sonntag„Wo bist du?“
Hiob 23 steht als Predigtwort im Zentrum des kommenden Sonntags. Hiob, der mitten im Leid nach Gott fragt und sucht, ihn aber nicht findet: „Gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. Wirkt ...
„Wo bist du?“
Hiob 23 steht als Predigtwort im Zentrum des kommenden Sonntags. Hiob, der mitten im Leid nach Gott fragt und sucht, ihn aber nicht findet: „Gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht.“ (Hiob 23,8f.)
„Wo bist du?“ – mit dieser Frage könnten wir Hiobs Suche wohl zusammenfassen.
„Wo bist du?“, das ist bezeichnenderweise auch der Titel eines Poetry-Slams, in dem die Frage nach Gott mitten im Leid laut wird (zu finden unter gleichnamigen Titel auf You-Tube). Dort textet Marco Michalzik in Anlehnung an Hiob ähnlich ernstlich: „Wo bist du? Kannst du mir nicht sagen, wo du bist? Denn ehrlich gesagt – sehe ich dich nicht. … Wo bist du? (…) Und während ich nachdenkend da sitz‘, erreicht mich die Nachricht, dass ein Freund nicht mehr da ist. – Panik als klar ist, dass das real ist und wie soll ich akzeptieren, dass das dein Plan ist? (…) Wo bist du? (…) Du sagst du bist der gute Hirte. Bist du dann da in Krisenherden und Kriegsgebieten, wo bist du zwischen Granaten und Landminen, und in dem Land mit Minen in denen Kinderhände unseren Luxus garantieren…“
Ja, Gott, wo bist du? Gerade das unerklärliche, unverständliche, unverdiente Leid lässt uns Gott anklagen. Wie Hiob, wie Marco Michalzik dürfen wir das auch. Sollen wir das sogar. Der Schmerz soll nicht in uns stecken bleiben, sondern soll hinaus. Wenn auch nur in dieser einen Frage: „Ja, wenn es dich gibt Gott, wo bist du?“ Denn das kann den Blick neu weiten. Unsere Herzenstür zu Gott hin offenhalten, - ja, öffnen für neue Perspektiven.
Marco Michalzik fängt das ein Stück weit in seinem Poetry-Slam ein, wenn er textet:
„Wo bist du? (…) Beschämtes Erkennen, du könntest mich dasselbe fragen. Hast du uns nicht erwählt? Gesagt, ihr seid das Licht der Welt, und wenn das stimmt, wieso ist es hier dann nicht so hell… Und ich beginne zu begreifen – dass meine anfänglichen Fragen und Zweifel in Wahrheit Antworten sind. Dass jede Not, die ich sehe, mich einlädt, ihr zu begegnen (…) Du lebst in mir und willst durch mich Menschen begegnen, Hoffnung säen, damit sie Hoffnung sehen…“
Wenngleich die Frage nach dem Leid letztlich nicht beantwortet wird, weder im Buch Hiob noch im Poetry-Slam, - so ist der Wechsel im Fragestandpunkt von „Wo ist ER“ hin zum „Wo sind wir, wo bist du“, doch ein wichtiger Fingerzeig. Denn er führt aus der Passivität in die Aktivität. Das Leid ist dann nicht länger der Endpunkt, sondern der Anfang für Notwendendes.
Pfarrerin Martina Ahornegger