WORT ZUM SONNTAG
11.07.2025 Wort zum SonntagWer ist mein Nächster?
Liebe Leserinnen und Leser, am kommenden Sonntag hören wir als Evangelium eine sehr bekannte Stelle aus dem Lukasevangelium – die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Als Ausgang dieser Geschichte, die Jesus erzählt, wird er ...
Wer ist mein Nächster?
Liebe Leserinnen und Leser, am kommenden Sonntag hören wir als Evangelium eine sehr bekannte Stelle aus dem Lukasevangelium – die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Als Ausgang dieser Geschichte, die Jesus erzählt, wird er gefragt, was man tun muss, um das ewige Leben zu erreichen, und in diesem Dialog über Nächstenliebe fällt auch eine sehr wichtige Frage: „Wer ist mein Nächster?“. Eine Frage, die wir uns auch im heutigen Leben immer wieder stellen: Was bedeutet es für meinen Nächsten da zu sein, meinen Nächsten wertzuschätzen und auch meine Nächsten zu lieben? Nächstenliebe ist oft ein Wort, mit dem wir nur wenig anfangen können und doch erleben wir sie immer wieder. Erst unlängst in einem Moment, in dem die ganze Welt für eine Sekunde den Atem angehalten hat – während des Amoklaufs in Graz.
Als Grazer Priesterseminarist und Student war ich vor Ort in einem Moment, in dem Graz ganz plötzlich ein Stück kleiner wurde. Kleiner daher, weil man zusammenstand, sich gegenseitig stützte und dem anderen eine Schulter zum Anlehnen bot. Oder anders gesagt, einfach für den Nächsten da war, in seiner oder ihrer Trauer, im Schmerz und in der Einsamkeit. Nächstenliebe bedeutet für den Nächsten da zu sein, wenn er einen am dringendsten braucht, ihm oder ihr zu helfen und Kraft zu schenken, wenn der Nächste keine mehr hat. Genau das erleben wir bei der Geschichte vom barmherzigen Samariter, er ist da, obwohl keiner da sein möchte, er versorgt den Verwundeten, wenn alle an ihm vorbeigehen und er schaut hin, wenn alle wegschauen.
Den Nächsten zu lieben heißt auch ihn zu sehen, ihn zu sehen als ein Geschöpf Gottes und immer wieder versuchen, auch im Nächsten Jesus Christus und Gott zu erkennen. Heute fällt uns das besonders schwer. Wir gehen an unserem Nächsten vorbei, schauen ihn nicht an, würdigen den Nächsten keines Blicks. Doch wie will man irgendwas im Nächsten erkennen, egal ob Freude oder Leid, wenn man nicht einmal hinsehen kann?
Am vergangenen Sonntag hat Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl bei der Priesterweihe in Graz etwas sehr Bewegendes geteilt. Er hat den Jungpriestern einen Tipp gegeben, den er selbst von seiner Mutter bei seiner Priesterweihe bekommen hat: „Vergiss mir nicht, die Menschen zu grüßen.“ Wenn wir also im Evangelium die Frage lesen: Wer ist dein Nächster? Dann geht es genau darum, den Nächsten oder die Nächste anzuschauen, hinzuschauen und zu grüßen. Denn nur wen ich als Nächste oder Nächsten sehe, kann ich auch als solchen wahrnehmen und da sein, wenn ich gebraucht werde. Sind wir also da für den Nächsten und die Nächste, stehen wir zusammen und geben uns gegenseitig Kraft. So dass aus der Frage „Wer ist mein Nächster?“ ein freudvolles „Du bist mein Nächster“ wird.
Christoph Casarai
Pastoraler Mitarbeiter im Seelsorgeraum Steirisches Salzkammergut