Was Österreich von Finnland lernen kann
13.12.2024 Junges EnnstalMinus 30 Grad, sechs Monate Dunkelheit pro Jahr und trotzdem die glücklichsten Menschen der Welt.
Wie Finnland das geschafft hat, was Österreich noch lernen muss.
Vier Monate lang hatte ich dieses Jahr das Privileg, in Finnland zu ...
Minus 30 Grad, sechs Monate Dunkelheit pro Jahr und trotzdem die glücklichsten Menschen der Welt.
Wie Finnland das geschafft hat, was Österreich noch lernen muss.
Vier Monate lang hatte ich dieses Jahr das Privileg, in Finnland zu studieren und zu leben. Vier Monate, in denen ich einen Einblick in eine Welt bekommen habe, die noch in Ordnung zu sein scheint. Nur selten taucht Finnland in österreichischen Medien auf. Das Land hoch im Norden ist weder häufiges Gesprächsthema noch Urlaubziel. Was würde mich also erwarten, außer Saunas und der Weihnachtsmann?
Finnland ist mehr als viermal so groß wie Österreich, hat aber nur halb so viele Einwohner. 86 Prozent seiner Fläche ist bewaldet, dazwischen liegen fast 200.000 Seen. Unberührte Natur so weit das Auge reicht. Abgesehen von Wäldern, spielt auch Vertrauen eine große Rolle in der finnischen Gesellschaft. Nicht nur im Privatleben – auch die Berufswelt und tägliche Notwendigkeiten wie der Gang in den Supermarkt sind geprägt von einem gegenseitigen Vertrauen, wie ich es selten zuvor erlebte. Der Alltag hier im Norden ist gezeichnet von einem Miteinander statt Gegeneinander.
Das finnische Bildungssystem – ein Erfolgsmodell?
Auch beim Thema Bildung kann Österreich sich noch einiges von Finnland abschauen. Während meiner Zeit an der Universität Jyväskylä durfte ich einen Tag an einer finnischen Schule verbringen sowie einen englischsprachigen Kindergarten besuchen. Anders als in Österreich, werden Kinder hier die ersten neun Jahre gemeinsam unterrichtet. Auch Noten werden anders gehandhabt. Erst ab der fünften Schulstufe können Noten vergeben werden. Privat- oder Sonderschulen gibt es nur wenige, denn Chancengleichheit spielt eine wichtige Rolle in finnischen Schulen. Jedes Kind soll dort dieselbe Bildung erhalten können. Deshalb sind das tägliche Mittagessen in der Kantine sowie die Schulmaterialien auch kostenlos.
Auch der Kindergarten steht dem Schulsystem in keiner Weise nach. Bei meinem Besuch dort wurde mir schnell klar, wie der Alltag für die Jüngsten aussehen kann. Ein viel geringerer Betreuungsschlüssel als in Österreich üblich, ist nur einer der Gründe, weshalb individuelles Arbeiten im Norden so viel besser funktioniert. Im Kindergarten bildet sich die Grundlage für den restlichen Bildungs- und Lebensweg. Hierauf den Fokus zu legen und aktiv an Verbesserung zu arbeiten, anstatt an veralteten, fehlerhaften Systemen krampfhaft festzuhalten, scheint wohl doch ein sinnvoller Lösungsweg zu sein.
Ruhe und Gelassenheit – ein Land der Stille
Nicht nur die Schneedecke, die sich viele Monate lang über Finnland legt, ist Auslöser für die unglaubliche Stille im ganzen Land. Kennzeichnend für die finnische Kultur ist es, ruhig und gelassen durch den Alltag zu gehen. Stille im Zug und an der Kassa nicht drängeln sind wesentliche Aspekte im finnischen Leben. Der Stress und die typische österreichische Hetzerei, welche ich so gewohnt war, sind hier schon lange kein Teil meines Alltags mehr.
Es ist ein Gefühl, welches mich einfach nicht los lässt, dass viele Aspekte vom Leben im hohen Norden auch Österreich nicht schaden würden. Die unglaubliche Freundlichkeit, welche mir hier in Finnland entgegengebracht wurde, hat mich schlichtweg überwältigt. Und das, obwohl bestimmt nicht mehr als fünf finnische Sätze Teil meines Wortschatzes sind. Denn ein Land, das eines der besten Bildungs-, Sozial- und Wirtschaftssysteme besitzt, hat diese nicht ohne Grund – es sind die Menschen, die sie zu diesen machen.
Es ist die Ruhe und die Dankbarkeit, und zu oft auch die Menschlichkeit, welche uns Österreicher/ innen häufig fehlt. Das Leben muss immer schneller werden und wer nicht permanent im Stress ist, der leistet nicht genug. Wir vergessen im Moment zu leben, während wir uns über alles aufregen und mit Scheuklappen durchs Leben hetzen.
Wenn mir meine Zeit in Finnland eines gelehrt hat, dann, dass man manchmal innehalten und ganz ruhig werden muss, um den Wald vor lauter Bäumen nicht zu übersehen.
Elisa Schütz

