Warum das neue Perfekt nicht perfekt ist
16.01.2026 Junges EnnstalWir leben in einer vom Perfektionismus geprägten Gesellschaft. Durch den Druck von außen, immer perfekt zu sein, baut sich über die Zeit ein immenser innerer Druck auf. Und doch gibt es Hoffnung. Wie die Gegenbewegung zum Perfektionismus aussieht und was sie mit uns ...
Wir leben in einer vom Perfektionismus geprägten Gesellschaft. Durch den Druck von außen, immer perfekt zu sein, baut sich über die Zeit ein immenser innerer Druck auf. Und doch gibt es Hoffnung. Wie die Gegenbewegung zum Perfektionismus aussieht und was sie mit uns macht.
Es gibt das englische Sprichwort „perfectly imperfect“, was so viel bedeutet wie: Genau das, was nicht perfekt ist, ist perfekt. Es bedeutet, dass Menschen durch ihre Ecken und Kanten perfekt sind. Dass sie gut genug sind, auch wenn nicht immer alles glatt läuft, die Frisur nicht immer perfekt sitzt oder Fehler gemacht werden. Denn das was in der Gesellschaft häufig als unzureichend oder mangelhaft dargestellt wird, ist nur eines: menschlich. Und genau darum geht es. Ein großer Widerspruch unserer Gesellschaft ist, dass uns genau diese Menschlichkeit berührt. Es sind die echten Momente und Gefühle, die im Gedächtnis bleiben, das Unfertige, die Risse in der Fassade. Imperfektion schafft Nähe. Menschen können das unperfekte Leben und die unperfekten Geschichten und Situationen viel besser nachvollziehen und sich emotional besser in diese hineinversetzen. Automatisch kommt dadurch ein Gefühl von Nähe auf und es werden positive Emotionen ausgelöst. Beispielsweise wirkt ein leicht stockender Vortrag glaubwürdiger als eine komplett makellos gesprochene Präsentation. Menschen sehen dann, dass Gefühle wie Nervosität oder Freude oder andere starke Emotionen hinter dem Vortrag stecken und fühlen sich mit diesen Gefühlen automatisch mehr mit der vortragenden Person verbunden. Es wird signalisiert, hier steht auch nur ein Mensch wie du und ich vor dir. Es entsteht ein Raum für Identifikation, denn niemand ist fehlerfrei und das ist auch gut so.
Betrachtet man dieses Phänomen aus einer etwas mehr psychologischen Sichtweise, kann festgestellt werden, dass Imperfektion Vertrauen schafft. Studien kamen zum Ergebnis, dass Menschen andere Menschen als vertrauenswürdiger wahrnehmen, wenn diese nach außen hin nicht perfekt sind. Es wird vom sogenannten „Pratfall-Effekt“ gesprochen. Dieser zeigt, dass kompetente Personen, wenn sie kleine Fehler machen oder Missgeschicke passieren, als noch sympathischer angesehen werden.
Vergleichbar ist diese Gegenbewegung zur Perfektion mit Helden aus Geschichten. Geschichten und Erzählungen leben von Emotionen. Helden ohne Emotionen, wie Zweifeln oder Ängsten, wären für Leser und Zuhörer langweilig. Es sind auch hier die Fehler und Emotionen, die die Geschichte lebendig und spannend machen. Geschichten zeigen, dass Scheitern Entwicklung ermöglicht. Am Ende der Geschichte erinnern wir uns an Kämpfe, Brüche, Fehler und Wendepunkte. Es wird gezeigt, dass Unvollkommenheit Spannung und Sinn erzeugt.
So ist auch der Drang zur Optimierung in der Gesellschaft nicht ohne Konsequenzen und Folgen. Zählt nur die Perfektion, so entsteht Druck. Fehler werden unter den Tisch gekehrt und es wird nicht darüber reflektiert. Dadurch scheitert der Lernprozess, denn dieser kann nur entstehen, wenn auch Fehler akzeptiert und reflektiert werden. Heute werden aber immer mehr Stimmen laut, die sich gegen diesen Perfektionismus und Druck einsetzen und sich für Echtheit aussprechen. Videos und Bilder die weniger bearbeitet sind, bekommen mehr Aufmerksamkeit als jene, die bis zur Unkenntlichkeit verändert worden sind. Themen wie Unordnung, kein Make-Up oder nicht ästhetisch angerichtetes Essen werden häufiger gezeigt. Damit wird die Botschaft nach außen getragen, dass es einerseits hinter den Kulissen einfach menschlich ist, nicht immer alles perfekt zu machen und auszusehen. Und andererseits wird der Bezug zum Begriff Normalität wieder etwas mehr an die Realität gerückt. Denn Unordnung, nicht perfektes Styling und viele andere Dinge sind ganz normale Dinge, die im Leben auch ihren Platz haben dürfen.
Christina Gösweiner

