Paulas Post wird öffentliches Erbe
01.05.2026 RegionalesRund vierzig Kartons voll mit Briefen an Paula Grogger befinden sich seit vergangener Woche in der Steiermärkischen Landesbibliothek. Dort werden sie nun katalogisiert.
Wenn man das Haus von Paula Grogger betritt, fühlt man sich um Jahrzehnte in der Zeit ...
Rund vierzig Kartons voll mit Briefen an Paula Grogger befinden sich seit vergangener Woche in der Steiermärkischen Landesbibliothek. Dort werden sie nun katalogisiert.
Wenn man das Haus von Paula Grogger betritt, fühlt man sich um Jahrzehnte in der Zeit zurückversetzt. Rustikale Möbel und ein für die damalige Zeit typischer Ofen mit grünen Kacheln stechen in der Stube ins Auge, die abgetretenen Holzdielen am Boden sind mit schweren Teppichen bedeckt. Selbst die mechanische Schreibmaschine, an der möglicherweise die Texte berühmter Werke entstanden sind, steht noch an Ort und Stelle. Es scheint, als ob die einstige Schriftstellerin nur für einen Spaziergang ausgegangen wäre. Tatsächlich ist Grogger am 1. Jänner 1984 verstorben. Das Haus verkauften die Erben an die Marktgemeinde Öblarn und es wurde als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In Schuss hält es der Festspielverein, wobei es in den Wohnräumen kaum zu Veränderungen gekommen ist.
Briefe anstatt E-Mails
Im Obergeschoss des Hauses lagen bis letzter Woche Dokumente der Schriftstellerin und an sie adressierte Briefe – fein säuberlich verpackt in rund vierzig Kartons. Anstatt E-Mails und WhatsApp-Nachrichten wurden im letzten Jahrhundert Briefe geschrieben. Unter den Absendern finden sich Autoren, Verlage und Redaktionen, mit denen sie sich austauschte. Grogger war im gesamten deutschsprachigen Raum vernetzt und pflegte regelmäßigen Kontakt zu rund 60 Schriftstellern. Vergangene Woche wanderte ihre Sammlung in die Steiermärkische Landesbibliothek.
Geschenk an die Öffentlichkeit
Bis zur letzten Inszenierung des Festspiels „Die Hochzeit“ von Paula Grogger schenkte der Nachlasserbe Christian Vasold den Schriftstücken wenig Beachtung. Als er im Zuge der Proben und Aufführungen unweigerlich in die Welt seiner Großtante eintauchte, weckte das auch sein Interesse an den Unterlagen, die sie ihm hinterlassen hat. Vasold hat begonnen das Material zu sortieren, zu katalogisieren und vor allen Dingen die handgeschriebenen Dokumente von der Kurrentschrift in die lateinische zu übertragen. „Das Schöne für mich war, dass ich aus dem Schriftverkehr ein Bild von der Persönlichkeit bekommen habe, die hinter dem Text steht“, erzählt er.
Mehr als nur Papier
In zwei Jahren hat der Großneffe von Paula Grogger zwei Kartons durchgearbeitet. In den Sammlungen befindet sich nicht die vollständige Korrespondenz, sondern lediglich die erhaltenen Briefe. Doch aus den Schreiben lässt sich ableiten und teilweise rekonstruieren, was Grogger geschrieben hat. „Verdienen kann man damit nichts, aber es hat aus meiner Sicht einen ideellen Wert, der für die Öffentlichkeit zugänglich sein sollte“, sagt Vasold. Deswegen ist in ihm die Idee gereift, die Unterlagen der Steiermärkischen Landesbibliothek zu schenken.
Ein Tresor für das geschriebene Wort
In der steirischen Landesbibliothek werden Unmengen an historischen Schriftstücken aufbewahrt. In dem 2500 m² großen Büchermagazin lagern grob sortiert verschiedenste Dokumente. Darunter fallen auch periodisch erscheinende Schriften. So ist dort jedes einzelne Exemplar des „Ennstalers“ seit der Erstausgabe im Jahr 1906 lückenlos archiviert. Daneben gibt es Bücher, handschriftliche Dokumente und Postwurfsendungen bis hin zu politischen Programmen verschiedenster Parteien. 47 Personen sind bei der Landesbibliothek beschäftigt und verwalten das Konvolut an Papier. „Das Ziel ist es, sämtliches Material zu digitalisieren. Teilbestände sind das schon, doch aufgrund der Fülle an Inhalten stoßen wir an unsere Grenzen“, sagt Markus Kostajnsek. Seit 2013 wird beispielsweise der Nachlass von Peter Rosegger elektronisch erfasst. Der Schriftsteller pflegte immerhin Kontakt zu 1000 (!) Briefpartnern.
Größtmöglicher Schutz
Bis die Kartons von Paula Grogger aufgearbeitet sind, werde es wohl noch dauern, meint Kostajnsek. „Wir haben mehr als 200 Nachlässe, die noch nicht komplett erfasst sind“, sagt der Bibliotheksmitarbeiter.
Die Bestände genießen im Magazin der Landesbibliothek den größtmöglichen Schutz. Die klimatischen Bedingungen liegen konstant zwischen 21 und 22 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit zwischen 45 und 50 Prozent. Sollte ein Feuer ausbrechen, wird es sofort mit einem Gasgemisch gelöscht und das Archiv würde ein „5000-jähriges Hochwasser“ überstehen.
International auffindbar
In einem ersten Schritt wird das Material nach einem standardisierten Muster erfasst. Die Inhalte werden in den Karlsruher Virtuellen Katalog (KVK) eingespeist. Das ist eine zentrale, öffentlich einsehbare Datenbank, an der wissenschaftliche Bibliotheken aus der ganzen Welt angeschlossen sind.
Die Spurensuche ist für Christian Vasold mit der Übergabe nicht abgeschlossen. Er selbst lebt seit einigen Jahren in Graz und wird in Zukunft Stammgast in der Landesbibliothek sein.


