Laut, bunt, überwältigend: Meine Reise durch Indien
27.03.2026 Junges EnnstalÜber ein Land mit vielen Vorurteilen, das aber alle Erwartungen übertrifft.
Ein kleines bisschen mulmig ist mir zumute, als ich in Mumbai aus dem Flugzeug aussteige. Schon lange träume ich von dieser Reise – und doch habe ich mich jahrelang davor ...
Über ein Land mit vielen Vorurteilen, das aber alle Erwartungen übertrifft.
Ein kleines bisschen mulmig ist mir zumute, als ich in Mumbai aus dem Flugzeug aussteige. Schon lange träume ich von dieser Reise – und doch habe ich mich jahrelang davor gedrückt und sie immer nur auf „Irgendwann“ verschoben. Alles, was ich bis jetzt über Indien gehört habe, waren Horrorgeschichten von Vergewaltigungen und hektischen, stinkenden Großstädten. Höchste Zeit, mir mein eigenes Bild zu schaffen. Von einem Land, das allein doppelt so viele Einwohner hat wie Europa insgesamt.
Die Größe dieses Landes wird uns vor allem während den endlosen Stunden in Zügen und Bussen bewusst. Nach einem ganzen Tag im Zug sind wir auf der Landkarte gefühlt kaum vorangekommen. Noch dazu blieb uns nur das günstigere Schlafabteil, da Züge teils Wochen im Voraus ausgebucht sind, wir unsere Route allerdings spontan planen. Wir liegen also neun lange Stunden in unseren dreistöckigen Betten herum, in denen aufgrund der Deckenhöhe Sitzen unmöglich ist. Einzige Alternative: Am Gang in der offenen Tür stehen und hoffen, dass der Fahrtwind einen nicht vom Zug wirft. Am Ende werden die Zugfahrten jedoch angenehmer sein als die endlosen Nächte in Schlafbussen, die uns noch bevorstehen. Auch dort liegt man – ohne Anschnalloption – in einem sehr kurzen Bett. Jedoch scheint es das Ziel der meisten Busfahrer zu sein, so schnell und mit so vielen Schlaglöchern wie möglich anzukommen. Die nächtlichen Busfahrten glichen also eher einem Überlebenstrip. Hat man diesen allerdings überstanden, sitzt man erfolgreich um vier Uhr morgens ohne Unterkunft in einer indischen Klein- oder Großstadt – jedes Mal wieder ein Genuss!
Doch Ironie beiseite. Indien ist mit großem Abstand das vielfältigste und beeindruckendste Land, welches ich je besuchen durfte. Kein Reiseführer kann beschreiben, was einen hier erwartet! Die Städte sind hektisch, bunt und laut. Der Verkehr ist ein Wahnsinn und selbst das einfache Überqueren einer größeren Stra- ße wird zum Großprojekt, um heil auf der anderen Seite anzukommen. Sei es Bus, Auto, Riksha oder Motorroller – anstatt zu bremsen wird hier lieber gehupt, und das die ganze Zeit. Meine sensiblen europäischen Sinnesorgane müssen hart arbeiten, um diese konstante Reizüberflutung abzufangen.
Nicht nur auf den Straßen, auch geschmacklich ist hier einiges los. Ein ganzes Leben würde vermutlich nicht reichen, um jedes indische Gericht zu probieren, doch wir geben unser Bestes, so viel wie möglich mitzunehmen. Die Schärfe macht mir etwas zu schaffen und im Gegensatz zu dieser Geschmacksexplosion an Gewürzen in jedem Gericht ist europäisches Essen vergleichsweise schon fast geschmacklos. Manchmal schwitze ich schon, bevor der erste Sonnenstrahl meine Haut berührt, weil selbst mein Frühstück schärfer ist als mein Mund es erträgt. Ein bis drei Euro zahlen wir hier durchschnittlich pro Person und Essen, was unserem Budget besonders gut tut. Auch für uns Vegetarier ist Indien bislang kulinarisch das einfachste Land. Beinahe jedes zweite Restaurant bietet hier ausschließlich vegetarisches Essen an. Wäre zu Hause vermutlich nicht zu jedermanns Freude, jedoch könnte sich Österreich dahingehend noch einiges abschauen.
Nicht nur kulinarisch, auch landschaftlich bietet Indien alles, was das Herz begehrt. Wir baden an wunderschönen Stränden im warmen Meerwasser, radeln durch jahrhundertealte Tempel-Landschaften, düsen mit unserem Roller durch Kaffee- und Gewürzplantagen und gehen sogar Felsbouldern in einem der größten Bouldergebiete der Welt: Hampi, Südindien. In den wenigen Wochen unserer Reise sehen wir so viel und trotzdem nur einen Bruchteil dieses wunderschönen Landes.
Doch nicht nur die Vielfalt der Natur bleibt mir im Gedächtnis. Auch die unglaublich bunten Alltagskleider der einheimischen Frauen faszinieren mich nachhaltig. Die farbenfrohen Kleider (Saris), kombiniert mit der Vielzahl an Schmuck, erinnern mich daran, auch zurück zu Hause wieder mehr Farbe in mein Leben zu bringen. Noch nie zuvor war ich in einem Land, das so lebendig, laut, hektisch, schön und bunt ist wie Indien, und doch so vielen Vorurteilen unterliegt. Denn auch alle Einheimischen, mit denen wir uns unterhalten oder die wir um Hilfe bitten, begegnen uns wahnsinnig freundlich, mit einem offenen Herzen und einem Lächeln im Gesicht. Niemals hätte ich gedacht, dass ein Land so anders sein kann als die Vorurteile und Gerüchte es einem einreden wollen. Natürlich gibt es immer zwei Seiten. Nicht alle Menschen haben immer gute Intentionen. Dasselbe gilt jedoch für Österreich. Am Ende begegnen Menschen einem so, wie man ihnen begegnet.
Indien lehrte uns unglaublich viel. Über die Vielzahl an Kulturen und Sprachen, die sich von Nord nach Süd teilweise grundlegend unterscheiden. Über Religionen, die so tiefgründig sind, dass man sie als Außenstehender wohl niemals verstehen wird. Über ein Land, das man gesehen haben muss, bevor man darüber sprechen kann. Nur eines weiß ich mit Sicherheit: es wird nicht mein letzter Besuch hier gewesen sein. Indien, du hast uns viel abverlangt, aber so viel mehr zurückgegeben.
Elisa Schütz

