„Habe es lange genug herausgefordert“
17.04.2026 RegionalesErstdurchsteigungen, eine Wüstendurchquerung auf Skiern und eine Postkarte aus Nepal für Friedrich Karl Flick. Leo Schlömmer feierte kürzlich seinen 90. Geburtstag.
Wenn Leo Schlömmer von seinen Erlebnissen als Extrembergsteiger spricht, erinnert ...
Erstdurchsteigungen, eine Wüstendurchquerung auf Skiern und eine Postkarte aus Nepal für Friedrich Karl Flick. Leo Schlömmer feierte kürzlich seinen 90. Geburtstag.
Wenn Leo Schlömmer von seinen Erlebnissen als Extrembergsteiger spricht, erinnert er sich an erstaunlich viele Details. Selbst wenn sie schon sechs Jahrzehnte zurückliegen, erzählt er mit wachen Augen und einer lebendigen Sprache von seinen Abenteuern. Schlömmers Leben lässt sich in zwei Abschnitte einteilen. Bis er die Internatsleitung an der Sporthandelsschule in Schladming übernahm, waren Fels, Eis und die dünne Luft jenseits der 3000 Meter Seehöhe sein Habitat.
Vom elterlichen Hof zum Himalaya
Leo Schlömmer ist in Bad Mitterndorf aufgewachsen. Nach der Pflichtschule arbeitete er zwei Jahre am elterlichen Hof, ehe er beim Heer seinen Dienst antrat. Schon als Jugendlicher war er vom Sport angetan. „Mit dem Bergsteigen ist es erst beim Bundesheer so richtig losgegangen“, sagt er. 20 Jahre lang war er in Aigen stationiert, wobei er im gesamten Bundesgebiet als Bergführerausbilder im Einsatz gestanden ist. Parallel dazu wurden seine Berg- und Klettertouren immer schwieriger. Als eine der ersten herausfordernden Touren nennt er die „Todesverschneidung“ im Gesäuse. Schlömmer suchte das Risiko und nahm Routen in Angriff, an denen viele andere zuvor scheiterten. Einen hohen Bekanntheitsgrad erreichte er, als er die drei berühmtesten Nordwände der Westalpen binnen zwölf Monaten durchstieg: Eiger, Grandes Jorasses und Matterhorn.
1964 war Leo Schlömmer an der ersten steirischen Himalaya-Expedition beteiligt. Dass seine erste Tochter zur Welt gekommen war, erfuhr Schlömmer erst Tage später, als ihm ein Postläufer die Nachricht überbrachte.
Zum Dienst über den Grimming
Auch zuhause suchte Schlömmer das Außergewöhnliche. Im Winter 1965 machte er sich abends von seinem Wohnort in Bad Mitterndorf aus auf den Weg in die Kaserne. Mit Stirnlampe und Skistöcken ausgerüstet, führte seine Route über den Grimming nach Trautenfels und Aigen. Als er sich am Morgen zum Dienst meldete, schenkten ihm seine Vorgesetzten keinen Glauben. Sie schickten einen Hubschrauber hinauf, um Spuren zu suchen, die sie auch tatsächlich fanden. 1967 gelang ihm gemeinsam mit Peter Perner das Kunststück, die Dachstein-Südwand-Direttissima zu durchsteigen. Zwei Jahre später schaffte er es alleine.
250.000 Schilling für eine schöne Postkarte
In Kalifornien hat die erste deutschsprachige Seilschaft 1970 für Aufsehen gesorgt. Leo Schlömmer bestieg die 1000 Meter hohe Wand des El Capitan im Yosemite Tal. Ein Jahr später war der Mount Everest das erklärte Ziel. „Nicht aber die ‚normale‘ Route, wo alle gehen. Wir wollten Direttissima“, erinnert sich Schlömmer. Das nötige Geld dafür – 250.000 Schilling – sponserte ihm ein gewisser Friedrich Karl Flick. Über Heerespiloten, die Futter in sein Revier in Rottenmann flogen, gab es Kontakte zu dem Industriellen und Großgrundbesitzer. Als einzige Gegenleistung forderte Flick: „Schickst mir eine Karte aus Nepal mit einer schönen Marke.“ Der Gipfelsieg blieb Schlömmer verwehrt. Ein Todesfall in der Expedition vereitelte das Unterfangen, als erster Österreicher am höchsten Punkt der Erde zu stehen. Zumindest die versprochene Ansichtskarte fand ihren Weg zu Flick.
Vom Fels in die Kaderschmiede
Als Leo Schlömmer vom damaligen Landeshauptmann Niederl das Angebot erhielt, die Sportund Handelsschule in Schladming aufzubauen, beendete er seine Karriere als Extrembergsportler. „Ich habe es lange genug herausgefordert. Ich musste nicht so lange weitermachen, bis etwas passiert“, erklärt er heute seine damalige Entscheidung. Brenzlige Situationen wie Stürze in Gletscherspalten gab es mehrere, doch abgesehen von kleineren Blessuren blieb Schlömmer verschont. Es folgten nur mehr „Kleinigkeiten“, wie Schlömmer es formuliert. So leitete er unter anderem 50 Expeditionen in Südamerika. Abgesehen davon widmete er sich seinen beruflichen Zielen. Bekannte Namen wie Petra Kronberger, Uli Maier, Michaela Dorfmeister, Alexandra Meissnitzer, Renate Götschl oder Michael Walchhofer absolvierten zu seiner Zeit die Kaderschmiede.
Mit Skiern im Sand
Zu seinem Pensionsantritt sorgte er mit der Durchquerung der Taklamakan Wüste mit Langlaufskiern noch einmal für Aufsehen. Trainiert hat er dafür am Strand in Jesolo. Lange bevor die ersten Badegäste mit ihren Badetüchern die Liegestühle reservierten, war Schlömmer mit seinen Skiern im Sand unterwegs. „Ein Foto davon fand seinen Weg in die ,Kronen Zeitung‘. Meine Frau hat sich damals für mich in Grund und Boden geschämt“, lacht Schlömmer heute. Leo Schlömmer könnte für jedes seiner Abenteuer einen lebendigen Vortrag halten, sodass die Zuhörer das Erlebte förmlich mitempfinden können. Am vergangenen Dienstag, dem 14. April, feierte der einstige Extrembergsteiger seinen 90. Geburtstag, wozu auch der „Ennstaler“ herzlich gratuliert.
