Einsam unter Menschen
06.02.2026 Junges EnnstalWarum fühlen sich Menschen einsam, wenn sie in einem Raum voller Menschen sind? Mittels kollektiver Erinnerungsarbeit eine Antwort gesucht.
„Als ich alleine in der Vorlesung war“, war der Schreibimpuls, um einen Erinnerungstext zu verfassen. Das ...
Warum fühlen sich Menschen einsam, wenn sie in einem Raum voller Menschen sind? Mittels kollektiver Erinnerungsarbeit eine Antwort gesucht.
„Als ich alleine in der Vorlesung war“, war der Schreibimpuls, um einen Erinnerungstext zu verfassen. Das bedeutet alle Gruppenmitglieder verfassen eine persönliche Erinnerung in Form eines Textes und diese werden dann auf Gemeinsamkeiten, Unterschiede und dahinterliegende gesellschaftliche Aspekte, wie Normen und Strukturen, analysiert. Die Ergebnisse werden dann mit theoretischen Ansätzen verbunden.
Wenn Studierende am Anfang des Studiums noch niemanden kennen und alleine an Vorlesungen teilnehmen, fühlen sie sich allein, unwohl und manchmal ängstlich. Das zeigt sich teilweise in Form von körperlichen Symptomen wie Bauchschmerzen oder äußert sich in Form von Ablenkungsmechanismen. Beispielsweise das Handy benutzen, obwohl man eigentlich nicht beschäftigt ist. Dahinter stecken verschiedene theoretische Konzepte und Theorien. Menschen empfinden in dieser Situation und ähnlichen anderen Situationen die Gefühle Angst, Scham und Einsamkeit. Es kommt die Angst auf, nicht dazuzugehören und von anderen beurteilt zu werden. Diese Gefühle sind eng mit der sozialen Identität eines Menschen verbunden. Junge Menschen fragen sich oftmals, wo sie dazugehören. Dabei spielen Selbst-Fremd-Vergleiche eine große Rolle. Emotionen wie Liebe, Zuneigung, Sympathie und ein Wir-Gefühl fördern die soziale Integration. Im Gegensatz dazu können Gefühle wie Abneigung, Antipathie und Fremdheitsgefühl zur Abgrenzung führen.
An der Universität fehlen beispielsweise die festen Strukturen wie eine Sitzplatzordnung, die es in Klassenzimmern gibt und die dort das Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln. Der Mangel an vorgegebenen sozialen Strukturen erhöht dann den Druck auf Studierende, sich selbst zu positionieren und aktiv soziale Netzwerke auszubauen. Ein weiteres Konzept, das hier eine Rolle einnimmt, ist die Einsamkeit. Besonders intensiv tritt sie auf, wenn man sich unter anderen Menschen einsam fühlt. Jörg Zirfas‘ Beschreibung von sozialer Einsamkeit lässt sich hier gut anwenden. Einsamkeit wird am stärksten empfunden in der Anwesenheit und nicht in der Abwesenheit anderer. Ein weiteres zentrales Konzept ist das Konzept Scham von Schäfer und Thompson. Hierbei spielt der Bezug zu anderen und der Bezug zu Normen eine zentrale Rolle. Norm ist es, nicht alleine in Vorlesungen zu sein, sondern einer Gruppe anzugehören. Und der Bezug zu anderen findet statt, wenn man andere beispielsweise beobachtet und die Grüppchen sieht. Man fühlt sich dann abgehoben und verletzlich und schämt sich. Auch wenn es sein kann, dass der Blick der anderen imaginär und nicht real ist, fühlt man sich unwohl, weil man nicht der Norm entspricht. Das bedeutet das Gefühl von Scham kommt immer auf, wenn eine Situation als „mangelhaft“ oder „nicht normal“ empfunden wird, auch wenn das objektiv nicht der Fall ist.
Betrachtet man jedoch die Ergebnisse von außen und diskutiert sie, stellt sich auch heraus, dass man sich an das Alleinsein gewöhnen kann. Reist man beispielsweise allein oder unternimmt Dinge allein, die sonst eher in Gruppen gemacht werden, nimmt das Gefühl der Verletzlichkeit ab. Weiters aus der anderen Perspektive betrachtet, ist der Blick der anderen meist imaginär und sie denken sich nicht Dinge wie: Er ist allein in der Vorlesung, er hat keine Freunde. Und dennoch prägt das Verständnis von Normalität die eigenen Emotionen in vielen Situationen und man fühlt sich unwohl. Was sich auch zeigt ist, wenn mehrere Personen in einem Raum allein gekommen sind, dann fühlen sich diese untereinander solidarisch und die Gefühle Angst, Einsamkeit und Scham nehmen ab.
Das Forschungsprojekt zeigt zugleich, wie stark Menschen dazu neigen, sich selbst ins Zentrum der Aufmerksamkeit anderer zu stellen. Sehr viele Menschen schreiben sich eine weitaus grö- ßere Bedeutung im Blickfeld ihres Umfelds zu, als sie tatsächlich sind. In den meisten Fällen fokussieren sich andere Menschen auf eigene Gedanken, um viel weniger oft auf fremde Menschen um sie herum.
Christina Gösweiner

