Die Kunst, nichts zu tun
17.04.2026 Junges EnnstalWie ich „Nichtstun“ neu interpretiert habe – und es endlich lernen konnte.
Wie lernt man eigentlich, einfach mal gar nichts zu tun? Diese Frage habe ich mir neulich gestellt und mit Erschrecken festgestellt, dass ich die Antwort nicht kenne. Ich kann ...
Wie ich „Nichtstun“ neu interpretiert habe – und es endlich lernen konnte.
Wie lernt man eigentlich, einfach mal gar nichts zu tun? Diese Frage habe ich mir neulich gestellt und mit Erschrecken festgestellt, dass ich die Antwort nicht kenne. Ich kann wunderbar durchgehend beschäftigt sein, aber Nichtstun fühlt sich so herausfordernd an, wie eine ganze Arbeitswoche. Was wenig Sinn macht, das Problem aber auch ganz gut zusammenfasst. Das „Problem“ ist jedoch nicht nur meine Verwirrung darüber, was Nichtstun ist und wie es geht. Auch unser gesellschaftlicher Lebensstil beeinflusst meine Freizeit zunehmend. Die Leistungsgesellschaft sitzt mir im Nacken wie ein großer dunkler Schatten, der mir jede Freude an der Faulenzerei zunichtemacht, bevor ich überhaupt anfangen kann, sie zu genießen. Und irgendwas in mir glaubt (oder hofft), dass es nicht nur mir so geht.
Vor allem durch den übermäßigen Konsum von Social Media – den die meisten von uns nicht leugnen können – wurden die vorwurfsvollen Stimmen im Kopf immer lauter. Es ist das Gefühl, nie genug getan zu haben. Jede Minute Freizeit zur Selbstoptimierung zu nutzen und nur ja nicht auf der faulen Haut zu liegen. Kleine Botschaften, die sich umso tiefer eingeprägt haben. To-Do-Listen bestimmen den Alltag und geben mir das Tempo vor. Manchmal fühle ich mich wie ein blinder Passagier meines eigenen Lebens – obwohl ich es selbst in der Hand habe. Ein Widerspruch in sich selbst und doch Abbild der Realität.
Ich überlege mir, wie Nichtstun eigentlich ausschaut. Ist es auf der Couch liegen und Löcher in die Luft starren? Stundenlang Serien und Filme schauen, ohne mich dabei vom Fleck zu rühren? Oder zählt auch ein Spaziergang ohne Handy, das Lesen meines Lieblingsbuches oder ein neues Rezept zu kochen, welches ich schon vor Ewigkeiten abgespeichert habe? Je länger ich meine kostbare Zeit nutze, mir eine eindeutige Definition aus dem Ärmel zu ziehen, umso klarer wird es mir: Es gibt keine. Auch wenn es sich oft so anfühlt, es existiert keine gültige Fassung der offiziellen Regeln des Nichtstuns. Denn um zu verstehen, wieso wir (ich jedenfalls) so krampfhaft versuchen ein paar Stunden pro Woche auf der faulen Haut zu liegen, muss man sich dem Ursprung dieses Wunsches widmen. Die Schnelllebigkeit des Lebens wird uns früher oder später allen bewusst. Spätestens wenn im engeren Umkreis Babys geboren werden, spürt und sieht man, wie schnell die Zeit vergeht. Durch das bewusste Wahrnehmen dieser Endlichkeit des Lebens und der Zeit, die wir jeden Tag geschenkt bekommen, entsteht tief im Inneren der Wunsch nach Langsamkeit. Das Bedürfnis nach Tagen, an die wir uns erinnern können und Momenten, die wir bewusst erleben. Der Wunsch nach einem kleinen bisschen Zeit, das etwas langsamer vergeht.
Vielleicht bedeutet Nichtstun also gar nicht, alles still zu legen. Vielleicht bedeutet es viel eher, nichts zu tun, das uns abhält bewusst zu leben und aktiv wahrzunehmen. Dann plötzlich ist der Spaziergang, die Sporteinheit, das Lieblingsbuch oder der Genuss eines Essens sehr wohl eine Form des Nichtstuns. Vielleicht sollten wir (vor allem ich) uns abgewöhnen, das Nichtstun zu verteufeln, sondern es neu interpretieren. Ein ganzes Wochenende nichts tun, das mir nicht guttut. Einen Tag nichts tun, das mir keinen Spaß macht. Nichts tun, das meine bewusste Wahrnehmung hemmt. Schon ist es nicht mehr schwer, nichts zu tun, sondern das allergrößte Glück. Schlussendlich ist es keine Kunst, nichts zu tun. Es ist nur eine Kunst, das „Nichtstun“ zu verstehen. Ich habe nie verlernt, nichts zu tun. Ich habe es nur immer falsch verstanden.
Elisa Schütz

