Das kalte Quintett: Die Eisheiligen im Mai
15.05.2026 Junges EnnstalMamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und die Kalte Sophie. Die Eisheiligen prägen bis heute das Leben von Bauern und Gärtnern. Was hinter den jahrhundertealten Regeln steckt.
In einer alten Bauernregel heißt es: „Der Mai, zum Wonnemonat ...
Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und die Kalte Sophie. Die Eisheiligen prägen bis heute das Leben von Bauern und Gärtnern. Was hinter den jahrhundertealten Regeln steckt.
In einer alten Bauernregel heißt es: „Der Mai, zum Wonnemonat erkoren, hat den Reif noch hinter den Ohren.“ Wie wahr. Seit Jahrhunderten gelten die Tage vom 11. bis zum 15. Mai als eine Periode, in der der Winter noch einmal zurückschlägt – mit Temperaturstürzen, eisigen Winden und in der Folge auch Bodenfrost. Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophie heißen die Tage nach jenen Schutzheiligen, deren Namenstage in dieser Zeit begangen werden. Sie waren wundertätige Bischöfe und Märtyrer des frühen Christentums. Mit den ihnen zugeschriebenen Wettereigenschaften hatten sie aber gar nichts zu tun, obwohl ihr religiöses Wirken im Vergleich zum nachgesagten meteorologischen später immer mehr in den Hintergrund trat.
Die Regeln der Bauern
Dutzende Bauernregeln sind um sie herum entstanden. Mit allerlei Maßnahmen versuchten die Menschen, an den Eisheiligen-Tagen drohende Frostschäden zu verhindern. So entzündeten etwa Obst- und Weinbauern beim „Reifheizen“ feuchtes Laub und Holz, um mit dem dadurch entstehenden Rauch bereits blühende Nutzpflanzen vor dem Erfrieren zu schützen. Bis heute gelten die Eisheiligen auch in anderen Bereichen als Stichtage. Almauftriebe finden häufig erst nach dem 15. Mai statt; Igelstationen raten, die stacheligen Schützlinge erst nach der Kalten Sophie in die Freiheit zu entlassen; Schafe sollen ebenfalls nicht vorher von ihrer Wolle befreit werden.
Die goldenen Gärtnerweisheiten
Und die Liste jener Pflanzen, bei denen man lieber auf Nummer sicher geht, ist für viele Gärtner – ob professionell oder nur des Hobbys wegen – immer noch in Stein gemeißelt: vor allem Gurken, Tomaten, Bohnen und empfindliche Kräuter wie Basilikum dürfen demnach erst nach den Eisheiligen keimen oder ungeschützt ins Freiland übersiedeln.
Wetterregeln
Aber ist das wirklich alles nötig? Der Frage, wie weit die Eisheiligen eine Kopfgeburt des Aberglaubens oder das Ergebnis akribischer Aufzeichnungen über lange Zeiten hinweg sind, widmet sich seit Jahrzehnten die moderne Wetterforschung. Wenn im Mai die Sonne schon hoch steht, erwärmen sich die Kontinentalmassen rascher als die Meeresoberfläche des Nordatlantiks. So entstehen durch den unterschiedlichen Luftdruck an den Grenzen der beiden Luftmassen im Bereich Russland, Skandinavien und Island Tiefdruckgebiete mit starken Windgeschwindigkeiten, die einander beeinflussen. Zumal ein Hoch sich im, ein Tief sich aber gegen den Uhrzeigersinn dreht, wird kühle Luft in den mittel- und südeuropäischen Raum geschaufelt. Das erklärt auch, warum zum Beispiel in Norddeutschland am 11.
Mai Mamertus als Eisheiliger gilt, in Bayern, in der Schweiz und in Österreich aber nicht. Dort wird wiederum – im Gegensatz zum Norden – der 15. Mai, Sophies großer Tag, zu den mystischen Kältebringern gezählt. Des Rätsels Lösung: Die kalte Luft braucht einfach eine gewisse Zeit, um den Kontinent von Norden nach Süden zu durchströmen und kommt im Alpenraum etwas später an.
Zunehmende Wetterextreme stiften in jüngerer Zeit Verwirrung um die Zuverlässigkeit des Phänomens. Immer öfter kümmern sich die Tage der kältebringenden Märtyrer keinen Deut um ihren angestammten Platz im Kalender. Die Temperaturstürze vollziehen sich vor oder nach der Monatsmitte. Treten sie früher auf, ist das auch mit der noch schwächeren Kraft der Sonne und den letzten Nachwehen der kalten Jahreszeiten zu erklären. Wird es gegen Ende des Monats frostig, mögen – neben der gregorianischen Kalenderreform – auch Klimaveränderungen eine Rolle spielen. Die Temperaturkurven weisen um den 20. Mai im Schnitt deutlicher nach unten als um den 12. Mai.
Balkonpflanzen haben es leichter
Doch auch wenn die große Kälte tatsächlich noch einmal hereinbricht, hat so manche Pflanze nicht um ihre Existenz zu fürchten. Bodenfröste werden nämlich zumeist fünf Zentimeter über dem Boden gemessen. Das bedeutet, dass Balkonpflanzen im ersten Stock oder Obstblüten in höheren Baumregionen etwas weniger gefährdet sind als frisch keimendes Saatgut unten im Garten.
Simone Prüggler

