Wohnen am See – Fehler oder Chance?

Auf dem zwei Hektar großen Grundstück sollen gut 130 Wohnungen entstehen, die Hälfte davon sind Zweitwohnsitze. Foto: Sibel Zechmann

Die Geschichte am Putterersee wiederholt sich. Kämpfte vor fast 50 Jahren Christine Dornbusch gegen ein Apartment-Projekt am Putterersee, springen heute ihre Enkel in die Bresche. Christian und Alexander Dornbusch sprechen von einem „Jahrhundertfehler“, Bürgermeister Walter Kanduth relativiert.

2019 verkaufte die Landesimmobiliengesellschaft (LIG) die ehemalige Berufsschule Aigen. Mitte April stellte die PA 31 GmbH & Co KG die Pläne für das dort vorgesehene Projekt „Wohnen am See“ vor. Gesellschafter sind die Granit Holding GmbH, die WiGa Investment und Beteiligungs GmbH und die Hilarius Beteiligung GmbH. Ein Teil des bestehenden Gebäudes wird generalsaniert, fünf zusätzliche Neubauten sollen auf dem rund zwei Hektar großen Grundstück entstehen. Die Projektwerber machen keinen Hehl daraus, dass die Hälfte der gut 130 geschaffenen Wohnungen für Zweitwohnsitze vorgesehen sind.

Hochwasser durch Flächenversiegelung

Mit Ausnahme der Landesstraße umschließen die Gründe der Familie Dornbusch das Areal der ehemaligen Berufsschule in Aigen. Neben dem Puttererseehof betreibt die Familie auch den Badebetrieb samt Strandcafé am Putterersee. „Die Überschwemmungsbilder vom letzten Wochenende haben uns wachgerüttelt. Es ist nicht abwegig, dass solche Überschwemmungen auch bei uns passieren“, sagt Alexander Dornbusch. Bei Starkregenereignissen sei es zum Teil jetzt schon problematisch für die Liegewiese. Jeder versiegelte Quadratmeter würde die Sache noch weiter verschlimmern. „Wenn das Projekt kommt, ist der Badebetrieb Geschichte“, sagt Alexanders Bruder Christian. Zwar könne man den See für den Fischerbetrieb nutzen, das Naherholungsgebiet für Einheimische wäre jedoch Geschichte. Dornbusch: „Ich kenne den See, ich weiß was passieren wird. Wenn die Gulling voll ist, steigt der Wasserspiegel. Das kann sehr leicht verheerende Folgen für Aigen, Ketten und alle nachliegenden Ortsteile nach sich ziehen.“ So dramatisch stuft Bürgermeister Walter Kanduth die Auswirkungen nicht ein. Zwar gebe es noch keinen detaillierten Einreichplan, aber „die Berufsschule steht schon da und der Boden dort ist versiegelt. Es wird nicht um so viel größer, die Hälfte des Bestands wird geschliffen. Außerdem müssen die Bauträger nachweisen, dass sie das Oberflächenwasser ableiten können.“

Zweitwohnsitz-Problematik

Seit Jahren steht das Gebäude leer, nun sah die Gemeinde die Chance das Grundstück zu entwickeln. „Wir haben uns deswegen darauf eingelassen, damit etwas passiert. Der Großteil der Bevölkerung sieht es als Chance. Es ist zumindest eine gewisse Ausgewogenheit da, im Gegensatz zu einem Chaletdorf“, so der Bürgermeister. Außerdem gebe es schon jetzt sehr viele Wohnungs-Anfragen von Einheimischen. Kanduth: „Wir möchten dort so viele Hauptwohnsitze wie möglich schaffen.“ Um dem steigenden Zweitwohnsitzdruck entgegenzuwirken, hat sich der Gemeinderat dazu entschlossen, Vorbehaltsgemeinde zu werden. Der Projektwerber fordert nun die vertragliche Zusicherung der Gemeinde, dass in den nächsten Jahren keine Vorbehaltszone über das Grundstück gelegt wird. Den Zweitwohnsitzen steht Christian Dornbusch sehr skeptisch gegenüber: „Es wird ungenützter Wohnraum geschaffen und Natur zerstört. Das ist Ressourcenvernichtung. Was der Gemeinde bleibt sind die Kosten für Müll, Kanal und Trinkwasser und der Profit wird oben abgeschöpft.“ Die sogenannten „Starterwohnungen“ seien ein billiger Vorwand, um die Bevölkerung milde zu stimmen.

Die Geschichte wiederholt sich

Die angrenzenden Liegenschaften sind seit acht Generationen im Besitz der Familie Dornbusch. Schon in den Siebzigerjahren kämpfte die Großmutter des Brüderpaares gegen Baumeister Anton Kallinger, der damals eine Apartment-Anlage aufstellen wollte. „Man kannte die Auswüchse wie die Sonnenalm in Bad Mitterndorf oder die Anlagen in Pichlarn. Unsere Oma hat unsere gesamte Existenz auf eine Karte gesetzt und gegen den Bau prozessiert. Streitwert: 4,5 Millionen Schilling. Sie hat unsere Gründe freiwillig in Naturschutzgebiet umwandeln lassen und letztendlich gewonnen“, berichten die beiden Enkel. Die Entscheidung von Christine Dornbusch, die Liegenschaften freiwillig in einen geschützten Landschaftsteil umzuwandeln, schützt den Putterersee bis heute vor einer Verbauung. Nachdem Baumeister Anton Kallinger mit dem Bau bereits begonnen hatte, stand die Bauruine da und beschäftigte sogar den steirischen Landtag. Das Land kaufte den Rohbau um 14 Millionen Schilling und errichtete die Landesberufsschule in Ergänzung zum Standort in Gleichenberg. 2015 wurde die Berufsschule geschlossen. „Als die Liegenschaft veräußert werden sollte, boten wir bei der europaweiten Ausschreibung sogar mit. Durch geschickte Hinhaltetaktik haben wir das Grundstück letztendlich nicht bekommen. Wahrscheinlich stand der Käufer schon vorher fest“, vermutet Christian Dornbusch.

Jahrhundertfehler

Es sei absolut unverständlich, nicht aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, sagt Christian Dornbusch und wünscht sich eine Bürgerbefragung. „Unsere Forderung ist ein Baustopp und eine Suche nach besseren Alternativen. Was hier passiert ist ein Jahrhundertfehler. Dieses Projekt ist eine Verhöhnung vergangener Generationen. Jeder, der jetzt nicht aufsteht, macht sich strafbar und schuldig gegenüber unserer Nachkommen.“ Man müsse sich ohnehin an rechtliche Vorgaben halten, sagt der Bürgermeister: „Unkritisch stehen wir dem auch nicht gegenüber. Wir werden uns anstrengen, das Beste daraus zu machen.“