„Wir wollen uns nicht gegenseitig das Wasser abgraben“

Die Allgemeinmediziner Gerhard Kummer (li), Franz Kotzent (re) und Physiotherapeutin Barbara Mandl-Bahar unterstrichen die Vorteile eines Primärversorgungszentrums.

Die jüngste Vergangenheit zeige, man habe zu wenig kommuniziert. Das wolle man nun ändern, so Juliane Bogner-Strauß. Die steirische Gesundheitslandesrätin war nach Trautenfels gekommen, um ein Update über die geplante Gesundheitsversorgung im Bezirk Liezen zu geben.

Seit ihr politischer Vorgänger, der ehemalige Gesundheitslandesrat Christopher Drexler, das Vorhaben „Leitspital im Bezirk Liezen“ präsentiert hat, sind die Gräben tief. Auf der einen Seite die Befürworter, auf der anderen Seite die Gegner. Beide Parteien waren zu der am vergangenen Montag stattgefundenen Veranstaltung „Gesund im Bezirk Liezen – Update“ nach Trautenfels gekommen, um dort das Gespräch mit Gesundheitslandesrätin Juliane Bogner-Strauß, dem Projektleiter für das Leitspital Liezen, Michael Koren, und dem Geschäftsführer des Gesundheitsfonds Steiermark, Bernd Leinich, zu suchen. Denn „das Wichtigste ist, ins Reden zu kommen“, wie die steirische Gesundheitslandesrätin betonte. „Wir haben das in der Pandemie gesehen, dass sich viele nicht verstanden gefühlt haben. Das lag wohl auch daran, dass wir zu wenig kommuniziert haben“, so die Politikerin, die an diesem Abend über die künftige Gesundheitsversorgung der rund 80.000 im Bezirk lebenden Menschen sprach. Aufholbedarf gebe es vor allem im Bereich der Prävention. „Da ist Österreich schlecht aufgestellt. Mit sechzig fängt schon das große Jammern an, während chronische Erkrankungen in Skandinavien erst mit siebzig beginnen“, so Bogner-Strauß. Neben der Prävention seien auch niedergelassene Ärzte und Fachärzte in Einzel- oder Teamordinationen, Primärversorgungszentren und ein Leitspital wichtige Bausteine für eine zukunftsfitte Gesundheitsversorgung im Bezirk Liezen, wie die Gesundheitslandesrätin betonte. „Das eine schließt das andere nicht aus“, so Bogner-Strauß, schließlich wolle man sich nicht gegenseitig das Wasser abgraben, sondern das große Ganze sehen.

„Einzige Möglichkeit, die Qualität zu halten“

Schon Ende 2027 soll das Leitspital fertiggestellt und auch in Betrieb gegangen sein. Der Zeitplan sei ambitioniert, aber schaffbar, so Projektleiter Michael Koren. Helmut Gassner von der Bürgerinitiative BISS teilt diese Ansicht nicht. Seiner Einschätzung nach kann das Leitspital „eher 2030 bezugsfertig sein“, wie er an diesem Abend betonte. Auch auf die Finanzierung blickt der BISS-Obmann skeptisch. Laut seiner Einschätzung werden die tatsächlichen Baukosten den Budgetplan weit überschreiten und sich bei 400 bis 600 Millionen Euro einpendeln. Projektleiter Michael Koren dementierte. Für ihn sei bereits jetzt eine Tendenz erkennbar, dass „sich die Preisspirale wieder in die andere Richtung dreht. Die Ausschreibungen laufen, bis zum Abschluss der Vergaben werden wir sehen, wie sich die Preise entwickelt haben.“ Für ihn sei das Leitspital auf lange Sicht gesehen, die einzige Möglichkeit, „die Qualität halten bzw. steigern zu können“, wie er sagt, daher sei es auch an der Zeit, sich von dem Gedanken zu verabschieden, Rottenmann sei das Allheilmittel für die Gesundheitsversorgung im Bezirk. Auch eine Nachnutzung der drei Spitäler Rottenmann, Bad Aussee und Schladming ist vorgesehen. In Planung sind ambulante fachärztliche Versorgungen bzw. Gesundheits- und Facharztzentren. Diese sollen teils als dislozierte Abteilungen des neuen Leitspitals geführt werden, wie Michael Koren informierte.

Vorzeigeprojekt Primärversorgungszentrum Liezen

Lange vor der Inbetriebnahme des geplanten Leitspitals wurde bereits eine dislozierte Außenstelle der Kinderabteilung des LKH Leoben in Liezen installiert, die nun mit Juli eröffnet. Die Kassenstelle des langjährigen Kinderarztes konnte nicht nachbesetzt werden, weshalb man hier neue Wege beschreiten musste. „Wir haben eine größere Herausforderung im peripheren Bereich Kassenstellen nachzubesetzen, als im urbanen. Was aber nicht heißen soll, dass es in den Städten immer leicht ist“, so Bogner-Strauß. Nun wolle man sich damit beschäftigen, wie es gelingen kann, dem Beruf des Arztes, der Ärztin wieder mehr Attraktivität zu verleihen. Laut dem Geschäftsführer des Gesundheitsfonds Steiermark, Bernd Leinich, würde eine aktuelle Motivstudie zeigen, Berufsanwärter würden sowohl das unternehmerische Risiko als auch den hohen Stundenaufwand scheuen und lieber im Team arbeiten. Ein Vorzeigeprojekt für gelungene Teamarbeit ist das vor zwei Jahren eröffnete Primärversorgungszentrum in Liezen. Dort arbeiten drei Allgemeinmediziner, 2 Physiotherapeutinnen, 4 diplomierte Krankenpflegende, acht Ordinationsassistierende und eine Diätologin. Tägliche Patientenkontakte: im Schnitt bis zu 550. Das Arbeiten im Team ermögliche es, sich intern auszutauschen und zu beraten, so Allgemeinmediziner Gerhard Kummer. Sein Kollege, der Allgemeinmediziner Franz Kotzent, unterstrich weitere Vorteile der regionalen Gesundheitseinrichtung: „Durch die ausgedehnten Öffnungszeiten ersparen wir den Patienten lange Wartezeiten.“ Darüber hinaus ermögliche das erweiterte Leistungsspektrum eines Primärversorgungszentrums auch die Behandlung von Patienten nach Operationen, was zu einer Entlastung der Spitäler führe. Durch die Vorteile dieser Form der Gesundheitseinrichtung „hoffen wir, dass auch Junge mehr Interesse an unserem Beruf bekommen und unsere Nachfolge gesichert ist“, betonte Gerhard Kummer.

Bessere Bedingungen für Hausärzte gefordert

Für Martina Rauscher, Allgemeinmedizinerin in Tauplitz, brauche es noch zusätzliche Anstrengungen, um dem Ärztemangel entgegenzuwirken. Ihre langjährige Erfahrung als Lehrpraxisärztin zeigt, „dass die jungen Kollegen und Kolleginnen nicht mehr zu den Tarifen arbeiten wollen, zu denen wir arbeiten. Und das bei der Verantwortung, die wir tragen.“ Rauscher habe viele Auszubildende in ihrer Lehrpraxis in den Arbeitsalltag einer Allgemeinmedizinerin bzw. Allgemeinmediziners eingeführt. „Kein einziger ist Praktiker geworden. Sie sind enttäuscht, dass die Arbeit oft bis 19 Uhr dauert.“ Doch auch die Dokumentationspflicht, „die uns Ärzten aufgebrummt wird“, würde abschrecken. Rauscher appellierte vor allem an die Kassen, die Verträge attraktiver zu gestalten: „Ich glaube, dass wir die Kollegen und Kolleginnen aus den Spitälern nicht rauskriegen, wenn wir nicht beginnen, wirtschaftlich zu arbeiten. Deshalb würde ich mir wünschen, dass die Kassen mehr auf uns Hausärzte schauen würden.“ Landesrätin Juliane Bogner-Strauß strebte Überlegungen an, die Ausbildung zum Mediziner bzw. zur Medizinerin mit einer Verpflichtung im niedergelassenen Bereich bzw. in den Krankenhäusern zu kombinieren. Schließlich verursache diese in öffentlichen Universitäten Kosten von rund 550.000 Euro pro Kopf.