„Wir werden einfach nicht gehört“

Monja Hösl und Iris Strohmeier von der Volkshilfe, SHV-GF Jakob Kabas, Angelika Klug vom Roten Kreuz und Gabi Grill von der Volkshilfe (v.li.) machen über Missstände in der Pflege aufmerksam und fordern weitreichende Reformen.

Gehalt, Pflegeschlüssel, Ausbildung, flexible Anerkennungsverfahren.  Im Bezirk Liezen hakt es im Pflegebereich an allen Ecken und Enden. SHV, Volkshilfe, Rotes Kreuz und Caritas tun  sich zusammen und gehen auf die Straße.

Österreich hat die 9-Millionen-Einwohner-Marke geknackt. Eine Entwicklung, die unter anderem auf eine höhere Lebenserwartung zurückzuführen ist. Für die Pflege bedeutet das: mehr Bedarf. Waren es vor einem Jahr noch 76.000 zusätzliche Pflegekräfte, die bis 2030 benötigt werden, liegen die Berechnungen mittlerweile bei 100.000. Und die Uhr tickt. Acht Jahre bleiben nur mehr, um 100.000 Menschen zu motivieren, in den pflegenden Beruf einzusteigen. Voraussetzung, um diese Zahl halten zu können: Jenes Personal, das aktuell in der Pflege arbeitet, muss ebenso in diesem Beruf tätig bleiben. Eine Statistik, die alarmiert. Vor allem, wenn man die Missstände, denen sich diese Berufsgruppe ausgesetzt sieht, miteinbezieht. Für den 12. Mai ist zwischen 12 und 14 Uhr eine großangelegte Protestaktion in der Bezirkshauptstadt am Eurospar-Kreisverkehr geplant, an der sich der Sozialhilfeverband Liezen, die Volkshilfe, das Rote Kreuz und die Caritas beteiligen. Ziel: eine dringende Reform im Pflegebereich zu bewirken.

Betreiber stellen klare Forderungen

„Wir müssen dringend auf eine immer älter und urbaner werdende Gesellschaft reagieren, die auch aufgrund der Zuwanderung vielfältiger wird“, appelliert SHV-Geschäftsführer Jakob Kabas, der betont: Das bestehende Angebot entspreche nicht dem aktuellen Versorgungsbedürfnis. Die Hoffnung auf Veränderung liegt auf dem neuen Pflege- und Betreuungsgesetz des Landes Steiermark, „das bis Jahresende stehen soll“, so Kabas. Nun fordern die vier großen Player SHV, Volkshilfe, Rotes Kreuz und Caritas, die Eckpunkte des neuen Gesetzes mitzugestalten. Nach dem Motto „Mit uns reden, statt über uns entscheiden“ verstärken die Vertreter und Vertreterinnen verschiedener Sozialeinrichtungen des Bezirkes den Druck in Richtung Landesregierung und fordern Regionalkonferenzen unter Beteiligung der Gemeinden, der Betreiber von Pflegeeinrichtungen, der Beschäftigten und den zu betreuenden Personen. „Wir brauchen keine bürokratischen Entscheidungen, sondern die Meinung von Experten“, betont Iris Strohmeier. Die Leiterin des Volkshilfe-Pflegeheims in Liezen bekrittelt die fehlende Einbindung von Fachleuten in Reformprozesse: „Wir werden einfach nicht gehört, obwohl wir die Bedürfnisse der alten Menschen in der Region genau kennen.“

Studiengang für Gesundheits- und Krankenpflege

Der Ruf nach einer weitreichenden Reform ist laut. Was es braucht, um mehr Menschen für einen pflegenden Beruf zu interessieren und die Zukunft der Pflege abzusichern, haben Vertreter und Vertreterinnen der vier großen sozialen Einrichtungen des Bezirkes in einer Pressekonferenz am vergangenen Montag klar dargelegt. Einer der wesentlichen Punkte, die nach Verbesserung schreien, ist das Ausbildungsangebot für Pflegeberufe, wie Jakob Kabas hervorhebt: „Es klafft eine Ausbildungslücke zwischen Schwarzach-St. Veit und Leoben, und das schon seit Jahrzehnten.“ Das Ausbildungszentrum Nord der Caritas in Rottenmann und die Fachschule für Ernährung in Gröbming seien zwar wichtige Partner der bezirksweiten Sozialeinrichtungen, doch ein adäquates Ausbildungsangebot für den gehobenen Dienst in der Pflege gebe es nicht, bekrittelt Kabas. Junge Menschen, die einen akademischen Abschluss im Sozialbereich anstreben, müssen den Bezirk Liezen für die Dauer ihrer Ausbildung verlassen „und kehren selten bis gar nicht mehr zurück“, weiß Kabas. Das hat den Effekt des doppelten Alterns: Jene, die hier bleiben, werden älter und die Jungen gehen. Dislozierte Klassen der Fachhochschule Joanneum gebe es zwar, doch keine im Bezirk. Ein Sachverhalt, der sich dringend ändern müsse, daher lautet die Forderung der Vertreter und Vertreterinnen heimischer Pflegeeinrichtungen: Ein Studiengang für Gesundheits- und Krankenpflegeberufe im Bezirk Liezen.

Hürden in der Ausbildung

Dass es neben einem örtlichen Angebot für dementsprechende Studienlehrgänge auch eine Verbesserung in der Ausbildung für Pflegeassistenten und Assistentinnen braucht, weiß Gabi Grill vom Seniorenzentrum der Volkshilfe in Bad Aussee. Ein Mangel bestünde vor allem im Angebot für Quer- und Umsteiger sowie in der Weiterbildung von betriebsinternen Fachkräften. Für die Ausbildung zum Pflegeassistenten/Pflegeassistentin sind 1600 Praxisstunden erforderlich. Diese müssten jedoch in der Freizeit absolviert werden, unterstreicht Grill einen Missstand, der viele Interessierte von einem solchen Bildungsweg absehen ließe. Um Menschen zu motivieren, in die Pflege zu gehen, brauche es in der Ausbildung eine soziale wie eine finanzielle Absicherung, so Kabas, der betont: „Das Interesse bei jungen Menschen ist da und auch Arbeit ist genug vorhanden. Was fehlt, ist das dementsprechende Ausbildungsangebot. Erst wenn wir eine Karriere von der Heimhilfe bis zum Bachelor vor Ort anbieten können, wird der junge Mensch diesen Beruf ergreifen und im Bezirk bleiben.“

Der Standort entscheidet

Da die Rahmenbedingungen in der Pflege von den Ländern bestimmt werden, sind diese von Bundesland zu Bundesland verschieden. Das gilt auch für die Personalschlüssel. Laut einem Bericht des Bundesrechnungshofes (2020) wichen die Personalvorgaben in Pflegeheimen sogar um über 100 Prozent je nach Bundesland voneinander ab. Eine Problematik, vor der auch Volkshilfe-Pflegeheimleiterin Iris Strohmeier steht: „Würde sich unser Pflegeheim nicht in Liezen, sondern in Wien befinden, hätte es automatisch einen höheren Pflegeschlüssel und das obwohl der Mensch der gleiche ist“, weist Strohmeier auf die länderspezifischen Unterschiede hin. Da laut Jakob Kabas 45 Prozent der Einnahmen eines Pflegeheims aus Bundesgeldern stammen, nimmt der SHV-Geschäftsführer auch den Bund in die Verantwortung, um in diesem Punkt für Verbesserungen zu sorgen und Steuergelder sinnvoll einzusetzen. So unterschiedlich wie die Personalvorgaben sind auch die Kosten für pflegende Leistungen. 2020 wurden für eine Stunde mobiler Dienste gemäß der Pflegeleistungsstatistik in Vorarlberg im Schnitt 30 Euro verrechnet. In der Steiermark waren die Kosten für diese Leistung um das Doppelte höher und lagen bei rund 60 Euro pro Stunde.

Änderung des Personalschlüssels

Gefordert wird auch eine neue Zusammenstellung von unterschiedlichen Gesundheitsberufen, die in einer Pflegeeinrichtung benötigt werden. Als Gründe dafür nennt Kabas altersbedingte Mehrfacherkrankungen, das weitere Ansteigen von Menschen mit der Diagnose Demenz und die Zunahme psychischer Krankheitsbilder, die zu veränderten Herausforderungen in der Pflege und Betreuung führen. Auch der Personalschlüssel zur Teamberechnung sei reformbedürftig, kritisiert Gabi Grill. Wurden noch vor einigen Jahren 20 Prozent diplomiertes Personal, 60 Prozent Pflegeassistenten und 20 Prozent sonstiges Personal eingesetzt, ist letzteres nicht mehr im Pflegeschlüssel enthalten. Die Folge: Hauswirtschaftliche Tätigkeiten, wie das Einräumen eines Geschirrspülers, das Servieren des Frühstücks oder das Wechseln der Bettwäsche muss nun ebenso von Pflegefachkräften durchgeführt werden. Darüber hinaus war durch den 20-prozentigen Anteil von ungeprüftem Personal ein Quereinstieg in diesen Beruf leichter möglich. Daher fordert Grill „einen weitaus breiten Qualifikationsmix“, wie die Hausleiterin der Volkshilfe-Einrichtung in Bad Aussee betont. Vorreiter ist hierbei das Bundesland Vorarlberg, weiß Jakob Kabas, wo „man dabei ist, diesen Qualifikationsmix neu zu überdenken.“

Finanzielle Abwärtsspirale

Dass sich „Pflege“ mittlerweile zum Reizwort entwickelt hat, ist nicht allein der Corona-Pandemie geschuldet. „Corona war nur ein Brandbeschleuniger für eine Entwicklung, die schon lange im Raum stand“, so Kabas. Viele Mitarbeitende sind an ihrer psychischen und physischen Belastbarkeitsgrenze angelangt. Was es braucht, sind dringende Reformen, „nur am Balkon für uns zu klatschen, hilft uns nicht“, richtet Strohmeier den Appell an die Politik. Eine dringende Veränderung bedarf es in der Bezahlung von Mitarbeitenden in der Pflege. „Jeder, der in der Pflege tätig ist, soll eine Familie ernähren können“, bringt es Iris Strohmeier auf den Punkt. Derzeit sei das bei einem Gehalt von 1200 Euro netto für Vollzeitmitarbeitende nicht möglich, so die Heimleiterin.

Zuzug statt Durchzug

Aufgerechnet auf die Gesamtbevölkerung werden in Zukunft vier bis fünf zu pflegende Menschen auf einen Menschen kommen, der diese betreuen kann. In westeuropäischen Ländern werde die Pflege nur durch Migration aufrecht erhalten werden können, so Kabas, der betont: „In Skandinavien hat man das schon viel früher begriffen als hierzulande.“ Vergangene und aktuelle Flüchlingsströme führen zwar zu einem Zuzug von Fachpersonal aus dem Gesundheits- und Pflegewesen, doch es gebe ein wesentliches Problem, das es deutlich erschwere, diese neuen Fachkräfte einzusetzen, so Kabas: „Die Anerkennungsprozesse sind hoch bürokratisch und dauern zu lange.“ Ganz im Gegensatz zu unserem Nachbarland Deutschland. Hier werden die Anerkennungsverfahren von beruflichen Qualifikationen rascher und individueller behandelt. In Österreich hingegen brauche es oft aufwändige Einzelinitiativen, um qualifizierte Einwanderer in der Pflege überhaupt einsetzen zu können, bekrittelt Kabas, der die Forderung der Betreiber klar kommuniziert: „Wir brauchen flexible und entbürokratisierte Anerkennungsverfahren.“ Forderungen wie diese werden auch am 12. Mai zu hören sein, wenn das heimische Pflegepersonal zum Protestakt aufschreitet, um dringende Reformen herbeizuführen. Ob die Reaktion darauf dieses Mal mehr als ein Klatschen am Balkon sein wird?