„Wir haben ein Konsumproblem“

Beim Informationsabend des Bürgerforums erläuterten Ökologen und Naturschützerin die Kehrseiten der Wasserkraft: Geringes Ausbaupotenzial mit großen Schäden. Energiesparen sei einzige Alternative. Durchgängig kritische Kommentare kamen aus der Zuhörerschaft.

Seit Jahren beschwört die Politik die Energiewende herbei. Ein rascher Ausstieg aus fossilen Energieträgern ist das unumstrittene Gebot der Stunde, um den Ausstoß der Treibhausgase zu reduzieren. Das trifft auch den Strommarkt, denn neben der verpönten Atomkraft, sind Kohle- und Gaskraftwerke ein wesentlicher Teil des europäischen Energiemixes. Im Großraum Schladming schlugen im Vorjahr die Bemühungen von Energieversorgern wieder auf, Wasserkraftwerke zu errichten. Die Envesta und die Energie Steiermark untersuchen derzeit drei potentielle Standorte für Laufkraftwerke an der Enns. Beim Talbach bemühen sich sowohl die Kapsch Holding als auch der Verbund um ein Ausleitungskraftwerk. Sich heutzutage gegen erneuerbare Energie auszusprechen, sei schwierig zu argumentieren, eröffnete Franz Zefferer vom Bürgerforum den Abend. Deswegen habe man anerkannte Experten eingeladen.

 

Bürgerforum deklariert sich

Das Bürgerforum Lebenswerte Region formierte sich 2019 als Betongold im Großraum Schladming Fahrt aufnahm. Die Initiative verlieh der von der Bauwut leidgeplagten Bevölkerung eine Stimme. Mit Bewusstseinsbildung und medialer Aufmerksamkeit erzeugte man Druck auf Gemeinde- und Landespolitik. Lag bisher der Fokus auf kritische Betrachtung von Immobilienprojekten, widmet sich das Forum nun auch den geplanten Wasserkraftwerken am Talbach und an der Enns. Vergangene Woche lud man mit Unterstützung der Gemeinden Schladming, Ramsau und Haus im Ennstal zu einem Informationsabend. Während sich der Hauser Bürgermeister Stefan Knapp vage hielt und nicht Stellung bezog, äußerte sich Hermann Trinker sehr kritisch gegenüber den geplanten Kraftwerken. Schon in der Zeit vor der Gemeindefusion deklarierte sich die Tourismusgemeinde Rohrmoos-Untertal gegen die weitere Verbauung des Talbachs. Wasserkraftwerke an der Enns seien unverträglich mit dem Hochwasserschutz und eine Verbauung des Talbachs wäre für die Wilden Wasser „eine Katastrophe“, so Trinker.

 

200 Jahre Enns-Verbauung

Karin Hochegger vom Naturschutzbund, Bezirksstelle Liezen, warf einen Blick auf die Geschichte der Enns. 1824, vor exakt 200 Jahren, hat der Mensch begonnen in den Flusslauf der Enns einzugreifen. „Bis 1929 hat sich der Fluss stark verändert. Insgesamt ist heute um 19 Kilometer verkürzt. Dadurch sind 600 Hektar Wasserfläche verloren gegangen“, so Hochegger. Im 20. Jahrhundert hat die Verbauung für die Energienutzung in den Seitentälern begonnen und der Schwallbetrieb würde das Flussleben zusätzlich belasten. Die Bemühungen der letzten Jahre hinsichtlich Renaturierungen, würden die geplanten Wasserkraftwerke wieder konterkarieren.

 

Energie sparen, statt bauen

„Ich hab nix gegen Wasserkraft“, eröffnete der Biologe Steven Weiss von der Universität Graz sein Referat, doch Wasserkraft sei genauso wenig „grün“ wie andere Formen der Energiegewinnung. „Jede Energieproduktion hat ihre Umweltkosten, aber die Wasserkraft ist die am wenigsten umweltfreundliche Form der sogenannten erneuerbaren Energie“, so Weiss. Empfindliche Fischarten wie die Äsche seien in Österreich nahezu verschwunden und auch der Lebensraum der Huchen sei in den letzten fünfzig Jahren um 90 bis 95 Prozent zurückgegangen. Weiss sieht das Potenzial der Wasserkraft in Österreich erschöpft: „Die Verbauung unserer letzten frei fließenden Flüsse, würde den Anteil an der gesamten Energie um 1 bis 2 Prozent erhöhen. Ist das so wichtig? Das schaffen wir auch, wenn wir Energie einsparen.“

 

„Fliegenschiss abreißen“

Der Geschäftsführer von Riverwatch, Ulrich Eichelmann, berichtete von seiner Arbeit am Balkan. Zwischen Slowenien und der Türkei gebe es noch viele unverbaute Flüsse. „Die haben die Zeiten der Vernichtung überlebt, weil sie politisch isoliert waren“, so Eichelmann. Mittlerweile seien dort tausende Kraftwerke geplant und Riverwatch kämpft seit Jahren dagegen an. Eichelmann präsentierte zu welchen Mitteln man griff und brachte Beispiele aus Frankreich, Ungarn und Serbien, wo Projekte aufgrund des Widerstands aus der Bevölkerung gestoppt wurden. In Bosnien sei es sogar zu einer Gesetzesänderung gekommen, welche Kleinkraftwerke gänzlich verbiete. „Damit haben wir 111 Wasserkraftwerke an 60 Flüssen verhindert und weitere 62 an 39 Flüssen wahrscheinlich gestoppt“, so Eichelmann. Selbst die EU empfehle mittlerweile keine Wasserkraftwerke unter 10 Megawatt zu bauen weil der Umweltschaden in keinem Verhältnis zur erzeugbaren Energie stehe. Eichelmann: „Europaweit kann man sagen, dass 10 Prozent der größten Anlagen rund 90 Prozent des Wasserkraftstroms liefern. Der Rest ist Fliegenschiss. Wir könnten tausende abreißen und es würde niemand merken, außer die Natur.“

 

Kein Verbrauchsplan

In der anschließenden Diskussion im Plenum schienen die rund 150 Besucherinnen und Besucher weitgehend einhellig gegen die Kraftwerkspläne zu sein. Auf die sich aufdrängende Frage, woher der Strom kommen soll, wenn nicht von Atomkraftwerken oder aus fossilen Energieträgern, antwortete Eichelmann ehrlich: „Ich kann es nicht beantworten wie es geht. Ich kenne auch niemanden der das schlüssig erklären kann.“ Man könne nur „den größten Blödsinn verhindern“. Steven Weiß ergänzte: „Wer arbeitet an dem Plan, unseren Verbrauch zu reduzieren? Niemand. Wir konzentrieren uns nur aufs Bauen. Die westliche Welt hat kein Produktionsproblem, sondern ein Konsumationsproblem. Wir produzieren nicht zu wenig, wir verbrauchen zu viel.“

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