Wenn die Nacht hell wird

Zu allen Zeiten in unserer Menschheitsgeschichte erlebten Menschen existentielle Nacht-Zeiten. Zeiten, in denen sie voller Zweifel waren, keinen Ausweg sahen, sie sich ausgegrenzt oder verfolgt fühlten aufgrund von Herkunft, Wertehaltungen, Geschlecht oder ungleicher Verteilung von Möglichkeiten und Ressourcen – schlicht: sich ihre Hoffnung in Finsternis hüllte.

Und wir alle sind in ausweglos erscheinenden Situationen vor die Wahl gestellt, uns in Verzweiflung oder Resignation zu begeben oder doch auf eine innere Zuversicht zu setzen, dass sich etwas wieder zum Guten wendet, das Leben wieder eine positive Kraft bekommt. Gelingt uns das, dann spüren wir wieder Hoffnung in uns und wir bekommen Kraft zum Handeln, vielleicht auch zum Neu-Anfangen.

Möglicherweise sind die letzten Monate gefühlt so eine dunkle Zeit: Eine Zeit der Unsicherheit, der Ungewissheit, der Sorgen und Ängste, des Auseinanderbrechens von Solidarität in unserer Gesellschaft. Eine Zeit, in der soziale Bindungen und Beziehungen schwieriger geworden sind oder ganz fehlen. Eine Zeit, in der wir lieb gewonnene Menschen vermissen. Eine Zeit, in der wir mit Homeoffice und Homeschooling oder anderen Zusatzbelastungen und Herausforderungen mehr leisten müssen, als wir eigentlich leisten können.

Welche Traditionen, Veranstaltungen, Menschen fehlen Ihnen im Moment besonders? Was bedrückt Sie am meisten in der Corona-Zeit? Wo verbrauchen Sie mehr Energie, als Sie eigentlich aufbringen können? Wo wünschen Sie sich, dass es in Ihrem Leben wieder hell wird, dass sich das Dunkel wieder lichtet? Wo sind die Lichter in Ihrem Leben, die immer leuchten, auf welche Verlass ist? Ist Ihr Glaube, ist Gott für Sie ein solches Licht?

Und: Wo sind Sie möglicherweise selbst Licht für andere?

 

Aus christlicher Sicht hat sich mit Weihnachten die alttestamentliche Verheißung erfüllt: Das königliche Kind ist geboren – es ist ein göttliches Kind. In ihm kommt Gott selbst auf die Erde, wird den Menschen zum unmittelbaren Gegenüber. Gott ist ganz nahe bei den Menschen, bei allen, gerade auch bei denen am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala, bei den Armen und an den Rand Gedrängten, bei denen, die ganz besonders auf die Einhaltung des Rechts und das stete Streben nach Gerechtigkeit angewiesen sind.

 

Mit Weihnachten fängt unsere Zeitrechnung an. Weihnachten ist immer neu das hohe Fest des großen Anfangs. Gott ist einer von uns geworden – ein kleines, armes, auf die Liebe seiner Eltern angewiesenes Kind. Gott fängt immer wieder neu mit uns an. Und so können wir uns auch selbst trauen, immer wieder neu anzufangen.

Weihnachten und das Weihnachtsgeheimnis wird mit vielen Namen umschrieben: es wird das Fest der Liebe genannt, der Wünsche, die wahr werden, des Schenkens und der Geschenke, des Friedens und der Freude oder auch der Menschwerdung Gottes und seiner Solidarität mit uns. Welch wunderbare Fülle an Bildern wir hier finden, wenn wir uns diese Botschaft getrauen, zu Herzen zu nehmen. Da gehen dann Lichter und Möglichkeiten auf in der Dunkelheit unseres eigenen Lebens. Hoffnung keimt neu auf, Freude stellt sich ein und ich fühle mich, wie ein neuer Mensch – fühle mich wie neu geboren.

 

Das Weihnachtsfest und seine Botschaft üben auch auf nicht praktizierende Christinnen und Christen und sogar Andersgläubige eine große Attraktivität aus. Weihnachten feiert man wenn irgendwie möglich im Kreise der Familie und unter Freunden – mit ihnen und für diese. Jede Familie entwickelt im Laufe der Zeit ihre eigenen Bräuche und Rituale, sowohl im Alltag als auch zu besonderen Feiertagen und Festen. Hier gibt es so viele Möglichkeiten, wie es Familien gibt.

Familienrituale und Familienbräuche geben gerade auch zu Weihnachten Sicherheit, Kraft und Zusammenhalt. Jede Familie entwickelt damit auch ein eigenes Stück Identität. Familienspezifische Bräuche und Rituale stärken somit auch die Beziehungen untereinander und sind Teil der Familienkultur.

Spannend ist es zum Beispiel, gemeinsam darüber nachzusinnen, was „dahintersteckt“, hinter diesem so hoffnungsvollen Fest.

Das gemeinsame Feiern kann, wie wir wissen, auch ganz schön anstrengend werden, wenn Wünsche und Erwartungen der Familienmitglieder in ein Gleichgewicht gebracht werden wollen. Hier können Sie in der Vorbereitung Aufgaben aufteilen, damit das Gelingen des Feierns nicht nur bei einer Person liegt, sondern sich alle gemeinsam nach ihren Möglichkeiten und Talenten einbringen können.

Viele Menschen entdecken zu Weihnachten verstärkt ihre Wohltätigkeit wieder. Zu keiner anderen Zeit engagieren sich mehr Menschen für Hilfsbedürftige als zu Weihnachten.

 

„Wer in Hoffnung lebt, sieht die Welt nicht nur nach ihrer Wirklichkeit an, sondern auch nach ihren Möglichkeiten.“, schrieb der Theologe Jürgen Moltmann. Das könnte für uns alle ein lichtbringender Wunsch zum Weihnachtsfest sein und die Aufmunterung, diese Hoffnung in die Welt zu tragen, damit die Nacht hell wird!

 

Katrin Windischbacher

Leiterin Familienreferat der Katholischen Kirche Steiermark