„Uns wird sehr viel angedichtet“

„Wir müssen der Natur wieder mehr Raum geben, auch im Interesse der Bauern“, sagt der designierte Bundesobmann der Grünen Bäuerinnen und Bauern LAbg. Andreas Lackner. Foto: Podesser

LAbg. Andreas Lackner ist designierter Bundesobmann der Grünen Bäuerinnen und Bauern. Er spricht über einseitige Agrarpolitik, interne Konkurrenz von ÖVP-Interessensvertretungen und halbe Wahrheiten.

Andreas Lackner ist Abgeordneter zum Steirischen Landtag und seit 2020 Obmann der Grünen Bäuerinnen und Bauern (GBB) Steiermark. Bei der Landwirtschaftskammerwahl 2021 erreichte die Fraktion in der Steiermark erstmalig zwei Mandate und zog in die  Landwirtschaftskammer ein. Nachdem sich Clemens Stammler als Bundesobmann der GBB zurückzieht, wird Andreas Lackner als sein designierter Nachfolger gehandelt. Der „Ennstaler“ traf ihn zum Interview.

 

Herr Lackner, Sie waren im Bundesrat, sind Landtagsabgeordneter und Interessensvertreter der Bauern. Wo liegen Ihre politischen Wurzeln?

Ich bin Gemüsebauer und habe den Betrieb meiner Eltern übernommen. Wir haben hauptsächlich Salat und Tomaten produziert. Schnell habe ich gemerkt, wie sehr man der Knecht des Einzelhandels ist. Sobald es billigere Ware gibt, sind Abnahmeverträge am Ende nichts mehr wert. Mein Vater wählte ÖVP. Ich bin zu einer anderen Überzeugung gelangt. Bei den Gemeinderatswahlen 1995 trat ich für eine Bürgerliste an, heute bin ich für die Grünen im Gemeinderat. Seit 2008 engagiere ich mich bei den Grünen Bäuerinnen und Bauern.

 

Angesichts des übermächtigen Bauernbunds, können die Grünen Bäuerinnen und Bauern überhaupt mitgestalten?

Zugegeben, früher waren wir schwer an der Wahrnehmungsgrenze. Mittlerweile sind wir personell sehr gut aufgestellt, in den Landtagen, im Nationalrat und im EU-Parlament. In persönlichen Gesprächen bemerken viele Bäuerinnen und Bauern, dass wir viel eher ihre Interessen vertreten als der Bauernbund. Bei der letzten Kammerwahl sind wir mit zwei Mandaten eingezogen. Mit Regierungsbeteiligung auf Bundesebene hat unsere Position nochmal eine Wendung bekommen. Die ÖVP erkennt schön langsam, dass die Grünen die einzige Partei außer ihnen ist, die sich für das Thema überhaupt interessiert.

 

Wie grenzen sich die Grünen von der ÖVP in der Agrarpolitik ab?

Wir konzentrieren uns auf die bäuerliche Landwirtschaft. Der Bauernbund sagt es zwar, tut es aber nicht. Er setzt Handlungen die dem widersprechen und ist extrem verflochten mit vor- und nachgelagerten Bereichen der Landwirtschaft – Stichwort „Raiffeisen“. Für uns ist das nicht vereinbar. Da muss man sich fragen, welche Interessen man vertritt. Und diese Verflechtungen sieht man sehr oft. Im Endeffekt wird die österreichische Agrarpolitik von drei niederösterreichischen Bezirken gemacht wird. Das bildet jedoch nicht die Heterogenität der heimischen Landwirtschaft ab. So finden die Grünen mit dem steirischen Bauernbund eher einen gemeinsamen Nenner, als der steirische Bauernbund mit dem niederösterreichischen. Das zeigte sich besonders plakativ bei den GAP-Verhandlungen (landwirtschaftliches Förderprogramm). Wir sind beispielsweise eingetreten für höhere Förderungen für die ersten 20 Hektar, für die Erhöhung der Ausgleichszulage und für eine Deckelung bei Großbetrieben. Das hat aber nicht ins Konzept der Niederösterreicher gepasst.

 

Nun haben die Grünen auch in der Bundesregierung ein Wörtchen mitzusprechen. Warum entpuppt sich die verpflichtende Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie als Schwergeburt?

Die Regierung bringt die – übrigens auch vom Bauernbund geforderte – Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie nicht durch, weil sich der schwarze Wirtschaftsbund querlegt und dagegen ankämpft. Auch hier zeigt sich ein ähnliches Muster wie bei der Antwort der letzten Frage: Die Grünen Bäuerinnen und Bauern und der Bauernbund haben mehr Überschneidung, als der Bauernbund und der Wirtschaftsbund.  

Wenn die Grünen die Interessen der Mehrheit der Landwirte besser vertreten, warum fällt es schwer Fuß zu fassen?

Über Jahrzehnte wurden Vorurteile geschürt, dass die Grünen die Feinde der Bauern sein würden. Uns wird auch sehr viel angedichtet. In persönlichen Gesprächen stellt sich dann oft heraus, dass die Ziele sehr ähnlich sind. Trotzdem wird immer noch die Geschichte erzählt, dass wir durch die sogenannten Umweltauflagen die Produktion einschränken.

Doch wenn wir uns nicht um die Umwelt kümmern, haben wir keine Produktion mehr. Und wenn wir den Boden weiter so verbrauchen, haben wir auch bald keine Grundlage mehr. Da ist Österreich nicht enkeltauglich und das sind die Themen, an denen wir drauf bleiben. 

Umweltstandards und Tierwohl wie etwa der Verzicht auf Vollspaltenböden kosten Geld. Gleichzeitig ist die Landwirtschaft mit einem Preisverfall und steigenden Kosten konfrontiert. Wo kann man hier ansetzen? 

Mehrkosten durch Umweltstandards und Tierwohl müssen gefördert werden. Und wir müssen schauen, dass wir die Produkte zu einem vernünftigen und fairen Preis anbringen. Darum ist auch die Herkunftskennzeichnung so wichtig. Rindfleisch beispielsweise wird zu 80 Prozent außer Haus verzehrt. Wir importieren holländisches Kalbfleisch und hauen damit den Preis für unser Kalbfleisch zusammen. Es hat sich gezeigt, dass dort wo es eine Herkunftskennzeichnung gibt, sich auch das Kaufverhalten ändert. Gleichzeitig müssen wir die regionale Nachfrage stärken über Bereiche, wo die öffentliche Hand einen direkten Einfluss hat. In der Steiermark gibt es ein Bemühen dazu, aber noch keine verbindlichen Vorgaben. Diese fordern wir Grüne vehement ein.

 

Der „Green Deal bringt die Bauern an ihre Grenzen“ titelte vergangene Woche die Bauernzeitung. Landwirtschaftskammer-Präsident Josef Moosbrugger bezeichnet ihn als „praxisfern“. Wie stehen Sie zum Green Deal?

Es gibt einen generellen Angriff der Konservativen gegen den Green Deal. Die Verhandlungen über die Renaturierung wurden aus einem einzigen Grund abgelehnt. Das hatte handfeste, wirtschaftliche Interessen – Umwelt und Natur werden dem untergeordnet. Wir müssen der Natur wieder mehr Raum geben, auch im Interesse der Bauern. Ihnen erzählt man aber, dass ihnen etwas weggenommen wird. Wir haben in Österreich viele Dinge sehr gut geregelt. Im Sinne unserer heimischen Landwirtschaft und ihrer Wettbewerbsfähigkeit müssten wir doch Interesse haben, dass diese Regeln auch für andere gelten. Der Fokus muss auf dem Erhalt unserer Äcker liegen. Was hab ich davon, wenn ich nichts mehr anbauen kann?

 

Nun schwebt ein weiteres Damoklesschwert über die europäische Landwirtschaft. Mercosur. Wie stehen Sie zu diesem Freihandelsabkommens mit Südamerika?

In aller Kürze: Ich bin schwer gegen Mercosur. Das einzige kleine Argument, das dafür sprechen könnte ist, dass wir durch das Freihandelsabkommen eine Qualitätsvorgabe machen könnten. Dazu sind die Südamerikaner jedoch in keinster Weise bereit.

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