Ostern – Auferstehung

Ich krieche aus dem Bett, es ist 4 Uhr morgens – Ostersonntag – ich bin müde von den Vorbereitungen auf das Osterfest. Im kalten Auto geht es Richtung Ramsau-Ort. In der Dunkelheit, vor der Volksschule bin ich bald von leisem Stimmengemurmel umgeben, viele Menschen sind da, mich erfasst Vorfreude und Dankbarkeit, dabei sein zu können. Fackeln werden verteilt, jeder von uns bekommt auch einen kleinen Zettel mit auf den Weg, um in Gedanken das zu sammeln, was wir an Last mit uns tragen.      
Bedächtig machen wir uns auf den Weg zum Moarhofer, um dort auf der Wiese das Fest der Auferstehung zu feiern. Das Gehen gibt Zeit zum Nachdenken. Im Inneren noch ein wenig schlaftrunken, gehen mir Gedanken über mich durch den Kopf, aber auch darüber, wie es wohl war, als Jesus Christus, nach dem furchtbaren Ende, das er und seine Anhänger erleben mussten, nach dem grausamen Tod am Kreuz wohl erlebt haben? Wie viel Angst begleitete die Gruppe? Es wird wohl nicht nur Petrus gewesen sein, der in seiner Todesangst seinen geliebten Herrn und Meister so schmählich verraten hat? Wo waren die anderen? Versteckten sie sich aus Todesfurcht? Petrus war zumindest in der Nähe seines Herrn geblieben. Nach dem Tod, nach der Kreuzabnahme konnte der Tote nicht mehr gesalbt und in Leinenbinden gewickelt werden, bevor der Tote im Felsengrab beigesetzt wurde. So gehörte es zum jüdischen Bestattungsritus. Zur Schmähung durch die Verurteilung, die Folter, des Todes am Kreuz, kam auch noch die Schande, dass dieser Jesus, in der Eile der Verurteilung und Hinrichtung vor dem Passahfest, nur beigesetzt wurde. Er wurde ohne diese letzte Liebestat, ohne diese letzte Ehre der Salbung beigesetzt. Oder dachte damals jemand an die Frau zu Bethanien, als sie bei Simon dem Aussätzigen zu Besuch waren? Die Frau, die viel Geld ausgab für kostbares Nardenöl, die Frau, die weinend das teure Öl über Jesu Haupt vergoss, um ihn zu salben? Die Jünger kritisierten sie sehr, warum sie so viel Geld für dieses Öl ausgab. Sie hätte es ja für die Armen spenden können. Diese Frau hatte für Jesus Christus diese Totensalbung vorweggenommen. In großer Liebe, unter vielen Tränen wollte sie für diesen besonderen, zum Teil unbegreiflichen, nicht ein zu ordnenden Jesus da sein. Sie, die Frau, die Regeln dieser Gesellschaft einfach ignorierte. Wie dankbar reagierte Jesus auf ihre Liebestat der Salbung, der Zuwendung vor seinem Tod, der immer bedrohlicher näher kam.
Wir sind auf der Wiese hinterm Moarhofer angekommen, wir sind bewegt, denn das hoch aufgerichtete Kreuz brennt bereits. Wir feiern Gottesdienst, in dem es darum geht, welch eine Befreiung wir erleben dürfen, wenn wir uns die Liebestat Jesu Christi verinnerlichen, der bereit ist, all unsere Schuld zu übernehmen. All unsere Schuld, auch meine Schuld? Da geht es doch um einen großen Rucksack, der voll ist mit Unehrlichkeit, diplomatischen Lügen, kleineren und größeren Betrügereien, da geht es um Gewalt, da geht es um Lieblosigkeit, es geht um Vernachlässigung, es geht um Freundschaftsbrüche, es geht um so viel Schuld – oft unüberlegt getan, verbrochen. Im Moment der morgendlichen Besinnung aber ist sie ganz nah. Alles vergeben? Meine Schuld übernommen? Der Schuldschein zerrissen? Der alte Pfarrer, der in diesem Jahr unsere Pfarrgemeinde betreut und mit der Jugend und uns diesen Auferstehungsgottesdienst gestaltet, weist auf eine Feuerschale mit glühenden Kohlen hin. „Schreibt in Gedanken das auf diesen Zettel, was euch zu schaffen macht, was euch Sorgen macht, was ihr an Schuld mit euch herumtragt. Übergebt es dem Feuer, das ist die Symbolik dafür, wie eure Lasten, wie eure Schuld von Jesus Christus übernommen werden. So dürft ihr auch innerlich jubeln: Halleluja, Jesus Christus lebt und er hat meine Lasten übernommen.“
Wir sind berührt von diesen schlichten Worten. Die Gedanken kreisen. Da ist so viel, es bräuchte viele Zettel, wollte ich das alles niederschreiben. Doch da ist die Möglichkeit, ich übergebe alles dem wärmenden, tröstenden Kohlenbecken. Ich spüre es, ich begreife es, so viel hat sich für mich gelöst, so viel kann ich ablegen. Ich bin befreit, für mich beginnt nicht nur ein Morgen, für mich beginnt ein Morgen der Auferstehung, ich darf an dieser Auferstehung teilhaben. Ich bin ganz in diese Mystik mit hineingenommen.
Still gehen wir zurück, in dankbare Gedanken, in Gebetsbruchstücke versunken. Das von der Jugend liebevoll vorbereitete Frühstück im Bethaus tut gut. Plötzlich sehe ich meine Tischnachbarn und die Jugendlichen in einem ganz anderen Licht. Habe ich jemals erkannt, welch besondere, interessante und liebenswerte Menschen mich umgeben? Habe ich mir bewusst gemacht, wie viele Menschen es gut mit mir meinen? Habe ich erkannt, wie viel Schönes ich erleben darf? Dieser Ostersonntag ist für mich ein ganz besonderer Festtag geworden.
Der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht!  Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.  Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat.
Matthäus 28:5-6

Diakonin Elisabeth G. Pilz
Ramsau am Dachstein