Öblarn im Festspielfieber

Das Gebäude-Ensemble mit Herrschaftsamt, Kirche und Pfarrhaus bildet die malerische Kulisse der Festspielbühne. Bei der abschließenden Huldigung formieren sich dort rund 300 Schauspielerinnen und Schauspieler. Foto: Christoph Huber

Elf Hochzeiten gehen im Sommer in Öblarn über die Bühne. Und es ist immer dasselbe Ehepaar. Seit Monaten wird fleißig für das Stück „Die Hochzeit“ geprobt. Der Festspielverein erwartet an die 8000 Besucher.

Derzeit prägen mehrere Baustellen das Ortsbild in Öblarn. Die Straße bei der Ortseinfahrt ist aufgefräst und Glasfaserkabel werden verlegt. Ein Baugerüst umringt den Kindergarten, Sparren des neuen Dachstuhls waren bis vor kurzem noch sichtbar und ein Kran ragt unmittelbar neben dem Kirchturm in die Höhe. Dazu gesellen sich Bauzäune, Scherengitter und Fahrverbotstafeln.

In spätestens zwei Wochen wird davon nichts mehr zu sehen sein. Bei der Premiere des Öblarner Festspiels am Samstag, dem 6. Juli, verwandelt sich der Ortskern stilecht gemäß den 1820er-Jahren in eine Bühne und die Häuser und Gassen werden auf Hochglanz poliert sein.

Goldhaube und Bärte

Alle fünf bis sechs Jahre schlüpfen die Öblarnerinnen und Öblarner nicht nur in ihre alten Trachten, sondern in die Rolle ihrer Vorfahren. Die Damen packen Goldhauben aus, die Gesichter vieler Männer zieren antiquierte Bärte. Rund 300 Schauspieler, darunter 130 Sprechrollen, stehen beim Festspiel „Die Hochzeit“ auf der Bühne – vom wenige Wochen alten Baby bis zum Greis. Mit dem Stück hat die Dichterin Paula Grogger ihren Heimatort ein kulturelles Erbe von unschätzbarem Wert hinterlassen.

Nostalgischer Zauber

Das Spiel handelt von einer Hochzeit, bei der Erzherzog Johann als Beistand anwesend war. Er nutzte die Gelegenheit, um seine Liebe (und spätere Frau), die Postmeisterstochter Anna Plochl, zu treffen. Um diese tatsächliche Begebenheit webte Paula Grogger eine Geschichte, geprägt von Dorftratsch, Gerüchten, Sorgen und Nöten der Landbevölkerung, der Liebesromanze und der Huldigung des Erzherzogs. Bühne ist der malerische Dorfplatz. Die originalen Trachten aus dem 19. Jahrhundert, verschiedene österreichische Dialekte, Bräuche und Tänze lassen die Zuseherinnen und Zuseher in eine vergangene Zeit eintauchen. Selbst in der Pause und danach hängt ein nostalgischer Zauber in der Luft. „Das Theaterstück ist dramaturgisch wirklich interessant“, findet Spielleiter Bernhard Wohlfahrter, „eigentlich ist es eine dreistündige Aufnahme einer Überwachungskamera des Öblarner Dorfplatzes während der Hochzeitsfeierlichkeiten. Auch die riesige Menge an einzigartigen Figuren in dem Stück ist beachtlich.“

8000 Besucher

„Bisher sind rund 70 Prozent aller Karten schon verkauft“, freut sich die Obfrau des Festspielvereins, Claudia Gassner. Traditionell sind sämtliche Aufführungen ausverkauft. „Wer noch Tickets ergattern möchte, sollte schnell sein“, schickt die Obfrau hinterher. An elf Abenden entführt die Öblarner Dorfbevölkerung insgesamt fast 8000 Besucher ins 19. Jahrhundert. Die rund 650 Sitzplätze umfassende Tribüne wurde in den letzten Tagen aufgestellt.

Uraufführung des Stückes war 1936. Während die ersten Proben bereits liefen, war Paula Grogger noch mit dem letzten Akt beschäftigt. Es folgten Aufführungen 1937 sowie 1959 und 1960. Nach einer langen Pause starteten die Festspiele 1989 in regelmäßigen Abständen von fünf bis sechs Jahren. Seither hat sich das Öblarner Festspiel einen Namen gemacht und es reisen busweise Menschen zwischen Wien und Tirol in den beschaulichen Ort, um das Theaterstück zu sehen.

300 Co-Regisseure

Bernhard Wohlfahrter hat schon 2018 am Regiestuhl Platz genommen. Damals als Jung­spund mit wenig Erfahrung, wie er dem „Ennstaler“ erzählte. „Trotz vieler Vorwarnungen, ich würde es in Öblarn mit 300 Co-Regisseuren zu tun bekommen, habe ich sofort zugesagt, als ich das Angebot bekam“, erinnert sich Wohlfahrter. Zur Vorbereitung hat er sich damals intensiv mit der Literatur und der Geschichte beschäftigt. Selbst die Menschen und Familienzusammenhänge in Öblarn hat er studiert. Zwischen dem letzten und dem bevorstehenden Festspiel liegt fast ein ganzes Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film dazwischen. „Die ärgste Zeit des Hochschulbankdrückens ist vorbei“, sagt Wohlfahrter, weswegen er die viermonatige, intensive Probenarbeit gut planen konnte.

Urlaubssperre

400 Menschen investieren auf und abseits der Bühne hunderte ehrenamtliche Stunden und planen ihre Urlaube festspielkonform. Die ersten Sprechproben starteten im Jänner in der Volksschule, seit März stehen die Schauspielerinnen und Schauspieler bei Wind und Wetter am Dorfplatz. Die Aufführungen finden zwischen 6. Juli und 10. August an jedem Freitag und Samstag statt. Dass sich so viele Menschen motivieren und ehrenamtlich mobilisieren lassen, ist ein Kapital, das viele Nachbargemeinden bewundern. „Das ist möglich, weil die Menschen in Öblarn einen wahnsinnigen Zusammenhalt pflegen und sich reinsteigern. Es ist ein Vorteil, dass man sich hier nur am Rande des Massentourismus vom oberen Ennstal befindet“, findet Bernhard Wohlfahrter.

Kapitel nicht geschlossen

Das Kapitel Öblarn sei für ihn nach dem heurigen Festspielsommer „in keinster Weise abgeschlossen. Weder das Festspiel noch das Kapitel Film“. Bevor die Premiere des Festspiels in Öblarn über die Bühne geht, stellt Bernhard Wohlfahrter am kommenden Donnerstag, dem 27. Juni, vier seiner Filme im Kino Gröbming vor: „Neu geboren“, „das jüngste Gerücht“ (welche in Kooperation mit dem Festspielverein entstand), „Glückstag“ und „Bergwiesen – vom Schwenden und Heuen“. Beginn ist um 20 Uhr im Kino Gröbming. Ticketreservierungen unter: kino@dirninger.com oder 0664/ 6379005.

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