Neuer Schulalltag – Chancen und Ängste

Disziplinierte Schüler: Volksschüler bei der Ankunft am Morgen mit Mundschutz und auf den dafür vorgesehenen Bodenmarkierungen.

Mit Mundschutz ankommende Kinder, Händedesinfektion beim Eingang, Schichtbetrieb mit kleineren Gruppen, Punkte am Boden als Leitsystem für Pausengestaltung – der neue Schulalltag hat also begonnen.
Nach vielen Wochen von Homeschooling und Distance Learning wurden kürzlich die Volksschulen, AHS-Unterstufen und Neuen Mittelschulen etappenweise wieder hochgefahren. Um das Infektionsrisiko zu reduzieren, schreibt ein Hygienehandbuch des Bundesministeriums für alle Schulen Österreichs genaue Richtlinien vor, die von den Schulen umgesetzt werden müssen. Neben der strikten Einhaltung der Hygienevorschriften, wie Händedesinfektion und ein Tragen von Mund-Nasen-Schutzmasken bei Verlassen des Sitzplatzes, sind die Wahrung des Mindestabstands einzuhalten. Ein Schichtsystem reduziert zudem die gleichzeitig anwesende Schülerzahl und erleichtert bei kleineren Gruppengrößen die Einhaltung des vorgeschriebenen Sicherheitsabstandes. Zusätzlich mussten laut Handbuch die Tische der Schüler entsprechend angeordnet und regelmäßig desinfiziert sowie ein gemeinsames Verwenden von Lehrmitteln vermieden werden. Turnstunden sind ersatzlos gestrichen, „Singen sollte unterlassen und Schreien vermieden werden“, laut Handbuch der Bundesregierung.
Die Krise als Chance
Die Abteilungsleiterin der Bildungsregion Liezen, Waltraud Huber-Köberl, bekam durch die Bank positives Feedback ihrer Kollegenschaft. Eltern und Lehrer haben sich zuvor größere Sorgen gemacht, doch „das Verhalten aller Schüler war überraschend positiv. Teilweise waren Kinder ängstlich, doch mit Aufklärungsarbeit konnte das Unbehagen genommen werden.“ Ein positiver Nebeneffekt des Distance Learnings war in vielen Schulen die gezwungenermaßen beschleunigte Digitalisierung des Unterrichts. Lernapps und Plattformen wurden kostenlos zur Verfügung gestellt und rege genutzt. Außerdem habe diese Zeit laut Huber-Köberl die Eigenständigkeit und Selbstorganisation der Schüler gefördert. Diese Entwicklung solle auf jeden Fall beibehalten werden. „Auch die Eltern haben Hervorragendes geleistet. Neben Haushalt und Homeoffice mussten Mütter und Väter zu Lehrenden werden. Diese Multitasking-Herausforderung wurde mit größtem Engagement gemeistert“, so Huber-Köberl. Natürlich sei vielen Schülern das soziale Umfeld in der Schule abgegangen. Umso größer war die Freude des Wiedersehens nach der Zeit der Isolation.
Besorgte Eltern
Aus Elternsicht stellt sich ein differenzierteres Bild dar. Die zahlreichen Corona-Maßnahmen zählen nicht zu den gewohnten Verhaltensregeln der Kinder. Ein Brief von besorgten Eltern wurde letzte Woche an Bundes- und Landesregierung geschickt. Es sei eine steigende Verunsicherung bei den Kindern zu bemerken. Vor allem die Kleineren können manche Vorschriften nicht verstehen. Abgesehen davon bestehe die Sorge, dass durch das übermäßige Hände desinfizieren die natürliche Hautbarriere geschädigt werden würde. Weiters erinnere die Umsetzung mancher Maßnahmen teilweise an einen Gefängnisalltag. So werden zum Beispiel Kinder an einer Volksschule vom Schulwart abgeholt. An einem Seil sind in ein Meter Abstand Knoten angebracht, an denen sich die Schüler beim Einmarsch ins Schulgebäude festhalten müssen. Andere Schüler finden schachbrettartig angeordnete Bodenmarkierungen im Schulhof vor (Foto oben), wo sie sich in der Pause zum Luftschnappen aufstellen dürfen. Die Schutzmasken müssen dabei selbstverständlich getragen werden. In manchen Schulen wird eine Pause im Freien gänzlich verwehrt. Bewegung und gemeinsames Spielen sei somit untersagt.
Nachdem im Bezirk Liezen seit über einem Monat keine Neuerkrankung zu vermelden war und die Region seit mehr als einer Woche als coronafrei gilt, wird der Ruf nach weiteren Lockerungen zunehmend lauter. „Das Ziel der gesetzten Maßnahmen war laut Bundeskanzler Kurz die Flachhaltung der Infektionskurve. Es wurde versichert, dass – wenn die Kurve zu einem bestimmten Zeitpunkt flach wäre – die Maßnahmen retour genommen werden würden. Aus heutiger Sicht wurde dieses Versprechen nicht eingehalten“, heißt es in dem Schreiben der Eltern an die Bundes- und Landesregierung. Es stelle sich die Frage wie sinnvoll die Maßnahmen seien, und welchen Preis die Jüngsten unserer Gesellschaft dafür bezahlen. Soll die unbeschwerte Kindheit geopfert werden? Die Sorge um verletzte Kinderseelen sei groß. Schließlich wird den Kindern gebetsmühlenartig suggeriert, sie seien für die Verteilung des Virus verantwortlich und hätten die ältere Generation zu schützen. Hierbei stelle sich die Frage, ob die Richtlinien des Ministeriums hinterfragt werden dürfen, ohne dabei als Verschwörungstheoretiker abgestempelt zu werden. Aus psychologischer Sicht könne es durch diese Maßnahmen zu schweren posttraumatischen Belastungssyndromen und zur Verschlechterung der Sozialkompetenzen kommen, da der Zeitraum und die Intensität der Maßnahmen, die Flexibilität des kindlichen Gehirns bereits überfordere. Die strengen Maßnahmen bleiben vorerst bis Ende des Schuljahres aufrecht. Den „alten“ Alltag wünschen sich im Herbst wohl Schüler, Eltern und Lehrer gleichermaßen zurück.