Leitspital: „Es fehlt die Gesamtbetrachtung“

BISS-Vorstand Michael Pretzler prophezeit eine unübersichtliche Verkehrslösung mit erhöhter Unfallgefahr. Foto: Der Ennstaler

Unabhängig von der „Einspitalslösung“ im Bezirk Liezen hegt BISS-Vorstandsmitglied Michael Pretzler große Bedenken was Zufahrt, Zeitplan und Kosten beim Leitspital betrifft. KAGes-Vorstand Ernst Fartek wiegelt ab und auch LH-Stv. Anton Lang ist sich einer „optimalen Lösung“ sicher.

Michael Pretzler ist seit dreißig Jahren im Tiefbau tätig und betreut österreichweit Großprojekte als Vermessungstechniker. Als die Standortentscheidung für das neue Leitspital auf Stainach gefallen ist, brachte er sich mit seinem Wissen in die Bürgerinitiative BISS ein. „Mein Zugang ist ein völlig technischer. Ich schau mir das Projekt an und da hab ich schon früh Problempunkte erkannt“, so Pretzler, „Je mehr ich die Pläne für das Leitspital und die Verkehrsanbindung analysiere, umso mehr provoziert es mich geradezu.“ Allein der Plan für die Zufahrtsstraße von der B320 weise allerschwerste Mängel auf. So sollte bei der ersten Variante der gesamte Verkehr von Westen kommend über eine bestehende, schma­le Brücke geleitet werden, die derzeit von einem Landwirt genutzt wird um zu seinen Feldern zu kommen. Zudem seien einige Schutzgebiete nicht berücksichtigt. „Man will sich der Realität verweigern“, mutmaßt Pretzler. Grundsätzlich sind Bebauungen in Schutzgebieten lösbar, aber das brauche Zeit die der straffe Plan nicht zulasse, räumt Pretzler ein. Laut Verkehrslandesrat Anton Lang sind eventuelle Umweltverfahren in den Planungen berücksichtigt.

Projekt-Warnung

Aufgrund einer fehlenden, zentralen Kreisverkehrslösung würde eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Abzweigungen und Verkehrsströmen entstehen, sagt Michael Pretzler. Noch im April übermittelte er seine kritischen Anmerkungen als „Projekt-Warnung“ an das Büro des Landesverkehrsreferenten LH-Stv. Anton Lang. „Die im März präsentierten Pläne wurden bereits wieder eingestampft. In Windeseile entwickelten sie eine neue Variante, welche Ende Mai zur Ausschreibung rausging. Meine Prognose ist aber auch da eine ungünstige“, so Pretzler. Es fehle die Gesamtbetrachtung von Leitspital und Verkehrsanbindung. „Die Trennung von Zufahrt und Spital führt zu unharmonisierten „Stand-Alone-Lösungen“ was eine massive Unübersichtlichkeit mit erhöhter Unfallgefahr zur Folge haben wird.“

Maximaler Schutz, minimaler Flächenverbrauch

Das Einreichprojekt werde einem Verkehrssicherheitsaudit unterzogen und der Behörde zur Prüfung vorgelegt, heißt es aus dem Büro von LH-Stv. Anton Lang. Man wolle das Leitspital Stainach verkehrstechnisch optimal erschließen und mit dem vorliegenden Konzept könne man dieses Ziel erreichen. „Es ist jenes, das den Bestand am besten nutzt, die Schutzgebiete möglichst unbeeinflusst lässt und bei dem der Flächenverbrauch minimiert wird. Besonders wichtig ist mir, dass in den Planungen auch die Möglichkeiten des Ausbaues einer ÖBB-Haltestelle im Bereich des geplanten Leitspitals mitberücksichtigt werden“, so Anton Lang. Die geschätzten Gesamtkosten für die aktuelle Variante liegen bei rund acht Millionen Euro.

Ambitionierter oder illusorischer Zeitplan

Seitdem das Grundstück in Niederhofen als Leitspitals-Standort vorgestellt wurde, steht als Fertigstellungstermin Ende 2027 seitens des Landes Steiermark fest. „Auch in der Zeitplanung sind schwerste Fehler drinnen“, so Pretzler. Laut seiner Prognose könne „im besten Fall“ Anfang 2030 der Betrieb aufgenommen werden. „Und da darf nichts schiefgehen. Mein Zeitplan ist optimistisch – der vom Land ist illusorisch“, ist sich Michael Pretzler sicher. Der Spatenstich ist mit Ende 2024 geplant. „Es fehlen allerdings die Phasen für Bauausschreibung und die umfangreichen Arbeiten zum Aushub und Sicherung der Baugrube. Allein das wird mehr als ein Jahr in Anspruch nehmen. In der derzeitigen Planung finden diese Punkte allerdings keine Berücksichtigung“, wundert sich Pretzler. Die Bedenken hinsichtlich des Zeitplans teilte die Initiative BISS Anfang Mai der Gesundheitslandesrätin sowie dem Gesundheitsfonds und der KAGes als „zutiefst konstruktiver Beitrag“, wie man betont, mit.

Größtes Fragezeichen: Beheizung

„Zugegebenermaßen ist der Zeitplan sehr ambitioniert. Wenn nichts unvorhergesehenes passiert ist er aber haltbar“, sagt KAGes Vorstand Ernst Fartek. Nachdem einige Prozesse parallel ablaufen, könne zudem die Bauzeit verkürzt werden. Was derzeit noch das größte Fragezeichen ist, ist die Beheizung des neuen Spitals. War Erdgas zu Beginn der Planungen noch die wirtschaftlichste Variante, so überdenke man das massivst: „Ob Biomasse oder Erdwärme – wir prüfen momentan alle Möglichkeiten und versuchen energieautark zu werden.“

Nicht dargestellte Kosten

Die im Landtag beschlossene Finanzierung für das Zentralkrankenhaus liegt bei 261 Millionen Euro. „Da sind die gesamten Begleitprojekte allerdings nicht berücksichtigt. Nach meiner konservativen Schätzung kommen mindestens 150 Millionen Euro hinzu. Das würde die 400 Millionen-Euro-Marke sprengen, wobei die enorme Preisentwicklung da noch gar nicht dabei ist“, rechnet Pretzler vor. Diese Kosten dürften nicht verschwiegen werden, schließlich würden sie unmittelbar mit der Errichtung des Leitspitals zusammenhängen. Der „Point-of-no-Return“ sei allerdings frühestens 2025, bis dahin könnte die Politik noch die Reißleine ziehen: „Die nächsten zwei Jahre passiert kostenmäßig vergleichsweise nicht viel".