Indische Pflegekräfte entschärfen Personalengpass

Interkulturelle Zusammenarbeit: Das Team des SeneCura-Sozialzentrums in Schladming setzt sich aus zwölf Nationen zusammen – darunter Menschen aus Russland, der Ukraine und aus Indien. Foto: Ennstaler

Um den Mitarbeiterbedarf zu decken, geht SeneCura neue Wege. Zwölf Nationen arbeiten in Schladming unter einem Dach zusammen. Mittlerweile sind acht Pflegerinnen aus Indien beschäftigt. Die betreuten Betten konnten von 60 auf 90 Prozent erhöht werden.

Der inflationär zitierte Fachkräftemangel treibt viele Branchen vor sich her. Bei Eigentümer geführten Unternehmen schlagen sich fehlende Mitarbeiter in Mehrarbeit nieder, manche Betriebe müssen ihre Serviceleistungen und Angebote reduzieren. Um dem Personalbedarf zumindest halbwegs gerecht zu werden, versucht man die Vollzeitquote zu erhöhen, Mütter in die Berufswelt früher zurückzuholen, das durchschnittliche Pensionsantrittsalter zu erhöhen sowie Pensionisten im Erwerbsleben zu halten. Doch: „Die demografische Entwicklung gibt‘s nicht her“, fasste Wirtschaftskammer-Regionalstelleobmann Egon Hierzegger kürzlich den Mitarbeiterbedarf des Bezirks nüchtern zusammen. Insofern müsse man auch über gezielte Zuwanderung nachdenken.

Doppelter Effekt in der Pflege

Schon vor Jahrzehnten zeichnete sich in der Pflege ein Personalengpass ab und die Herausforderungen werden größer. Zusätzlich zum angespannten Arbeitsmarkt kommt ein steigender Bedarf an zu pflegenden Menschen. Laut Sozialministerium sind in Österreich zur Zeit rund 127.000 Pflege- und Betreuungspersonen (100.600 Vollzeitäquivalente) beschäftigt – 67.000 im Krankenhaus und rund 60.000 im Langzeitbereich. Angesichts der demografischen Entwicklung mit steigender Lebenserwartung und niedrigen Geburtenraten wird die Pflegebedürftigkeit in den nächsten Jahren zunehmen, bei weniger zur Verfügung stehenden Erwerbstätigen. Allein bis zum Jahr 2030 müssen 42.000 Personen aufgrund von Pensionierungen nachbesetzt werden. Je nach Szenario schätzt das Sozialministerium einen Zusatzbedarf von rund 34.000 Personen (13.000 davon im Krankenanstaltenbereich, 21.000 im Langzeitbereich).

Zwölf Nationen unter einem Dach

Die Gesellschaft wird immer älter und der Bezirk Liezen ist zusätzlich von Abwanderung betroffen. Junge Menschen ziehen zur Ausbildung in die Stadt und bleiben dort meist auch hängen. Auch die „Care-Arbeit“, Menschen, die ihre Angehörigen pflegen, wird weniger. Vor zwei Jahren verzeichnete das Sozialzentrum SeneCura in Schladming einen Personaltiefststand. Es waren etwa ein Drittel der dringend notwendigen Betten gesperrt, weil die Mitarbeiter fehlten. Mittlerweile konnte der Personalstand wieder aufgestockt werden. Nicht zuletzt aufgrund einer grenzübergreifenden, aktiven Suche. „In unserem Haus arbeiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus zwölf Nationen zusammen“, sagt Heimleiter Ewald Gallob. Neben Menschen aus Bosnien, Kroatien, Albanien, Tschechien, Ungarn, Deutschland, Polen finden sich auch welche aus der Ukraine, Russland und sogar aus Indien. „Wir verzeichnen zwar noch immer keine Vollauslastung, doch derzeit können wir etwa 90 Prozent der Betten belegen. Und das Schöne: Die Stimmung und interkulturelle Zusammenarbeit ist super“, freut sich der Heimleiter.

„Herzlich und hilfsbereit“

Eine davon ist Maria Puthoor. „Es war schon eine Umstellung, aber es gefällt mir sehr gut hier“, sagt sie in sehr gutem Deutsch. Die ausgebildete Krankenschwester stammt aus Südindien und lebt mittlerweile seit eineinhalb Jahren in Schladming. Ihre Landsfrau Anu Shibu ist bereits seit drei Jahren in Schladming. Sie arbeitete zuvor in Kerala in einem Krankenhaus. „Die Arbeit macht mir Freude und ich fühle mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen gut aufgehoben“, so die Pflegerin. Es habe auch eine Eingewöhnungsphase seitens der Bewohner gebraucht, „aber mittlerweile genießen sie volle Akzeptanz. Schon allein aufgrund ihrer Kultur, mit einer ruhigen Art sowie einem einfühlsamen Umgang mit Menschen erfüllen sie eine der wichtigsten Eigenschaften des Pflegeberufs“, betont Ewald Gallob. Dem pflichtet auch eine Bewohnerin bei. Als „herzlich und hilfsbereit“ beschreibt sie die Pflegerinnen aus Indien.

Raschere Verfahren, weniger Barrieren

Die ersten Kolleginnen kamen 2020 nach Schladming. Heute sind bereits acht Inderinnen angestellt. Um als Pflegerin aus einem Drittland eine Arbeitsbewilligung zu bekommen, ist eine sogenannte Nostrifizierung, eine Anerkennung der im Ausland abgelegten Prüfung, erforderlich. Hier erhofft sich Ewald Gallob in Zukunft eine schnellere Abwicklung: „Zum Teil warteten ausgebildete Krankenpflegerinnen aus Drittstaaten mehrere Monate auf den Nostrifikationsbescheid. Erst dann konnten die ersten Schulungen beginnen.“ Das Ziel sei logischerweise die Belegung aller Betten, weil der Bedarf seitens der Bevölkerung da ist. Derzeit befinden sich allein beim SeneCura-Standort in Schladming 43 Menschen auf der Warteliste, die einen Pflegeplatz benötigen. Umso wichtiger sei es, den Eintritt in Pflegeberufe zu vereinfachen. Die Voraussetzungen für den Einstieg als Heimhilfe sind aus Gallobs Sicht beispielsweise zu hoch: „Eine Qualifikation für Pflegeassistenz und beim diplomierten Gesundheitspersonal ist selbstverständlich richtig und wichtig. Bei den Heimhilfen, die vorwiegend hauswirtschaftliche Tätigkeiten inne haben und unterstützend mitarbeiten, gibt es derzeit unnötige Hürden in der Ausbildung.“ Als Arbeitgeber sei man bemüht, das Umfeld durch Anreize wie flexible Arbeitszeitmodelle, Mitarbeitervorteile attraktiv zu gestalten. Dieser Ansatz müsse auch in der Ausbildung weiterentwickelt werden.

back-to-top