Helden wollen nicht nur Applaus

Das Bildungszentrum Nord der Caritas Rottenmann ist der regionale Ausbilder in Sozialberufen. Foto: Stephan Friesing

Um Menschen für eine Ausbildung im Sozialbereich zu begeistern, brauche es mehr als blumige Werbekampagnen, sagen Sozialdienstleister.

Die angespannte Personalsituation bei Sozialberufen ist in der Branche wohlbekannt. Nachbesetzungen sind oft eine große Herausforderung, denn auf ausgeschriebene Stellen gebe es monatelang keine einzige Reaktion.

Die Nachfrage nach ausgebildetem Personal bestätigt auch der Direktor der Caritas-Fachschule Jürgen Jenecek, seine Schüler würden schon während der Pflichtpraktika fixe Jobzusagen erhalten: „Ich erinnere mich nicht an einen einzigen Absolventen ohne fixen Job in der Tasche.“ Es brauche mehr als eine Werbekampagne, um eine nachhaltige Veränderung im Sozialbereich zu erzielen, sind sich Vertreter von Sozialdienstleistern einig. Neben attraktiveren Rahmenbedingungen müsse auch der Personalschlüssel hochgedreht werden.

Aufgrund der demografischen Entwicklung schätzen Experten den zusätzlichen Bedarf an Personal bis ins Jahr 2030 auf 75.700 Personen ein.

Bessere Entlohnung, gesicherte Kinderbetreuung, höhere Personalschlüssel. Um Menschen für eine Ausbildung im Sozialbereich zu begeistern, brauche es mehr als blumige Werbekampagnen, sagen Sozialdienstleister.

Die Lebenshilfe Ennstal sucht Mitarbeiter*. Und das bereits seit Monaten. In zahlreichen Jobportalen sind die freien Stellen eines Pflegeassistenten* und eines Sozialpädagogen* ausgeschrieben, doch „bislang ist noch keine einzige Bewerbung bei uns eingegangen“, sagt die Leiterin der Lebenshilfe Ennstal, Gertrude Rieger. Die herausfordernde Personalsuche sei in der Branche wohlbekannt, bestätigt auch Elfriede Aster, Leiterin von Jugend am Werk in Liezen: „Derzeit bin ich zwar in der glücklichen Lage konstantes Personal zu haben, doch wenn neue Dienstleistungsangebote hinzukommen, ist es nicht einfach diese Stellen besetzen zu können.“ In den nächsten Jahren steht ihrem Team eine Pensionswelle bevor. Wie erfolgreich die Suche dann nach qualifiziertem Personal sein wird, bleibt vorerst noch ungewiss. Auch Jürgen Jenecek, Direktor der Caritas-Fachschule für Sozialberufe am Bildungszentrum Nord in Rottenmann, ist mit dieser Problematik vertraut: „Der Markt ist derart angespannt, dass unsere Schüler* schon während ihrer Pflichtpraktika eine Jobzusage erhalten. Ich erinnere mich nicht an einen einzigen Absolventen* ohne fixen Job in der Tasche.“ Auf die große Nachfrage nach qualifiziertem Personal haben nun auch das Land Steiermark und die KAGes reagiert. Eine großangelegte Werbekampagne soll das Interesse an einer dementsprechenden Ausbildung entfachen.

Bessere Rahmenbedingungen schaffen

„Mit einer richtigen Informationsstrategie verschafft man Einblicke in ein durchaus spannendes Berufsfeld. In der Behindertenhilfe kann man so viel Positives bewirken. Wir gehen auf den individuellen Bedarf und die Bedürfnisse unserer Kunden ein, wodurch sich neue Chancen für Menschen mit Behinderung im Rahmen der Inklusion auftun“, sagt Elfriede Aster. Trotzdem brauche es mehr als eine Werbekampagne, um eine nachhaltige Veränderung im Sozialbereich zu erzielen. „Es ist eine gute Evaluierung nötig, die aufzeigt, aus welchen Gründen Mitarbeiter* den Sozialbereich verlassen und sich einem anderen Berufsfeld widmen“, so Aster, denn „in Zeiten von Corona werden sie zwar als Helden gefeiert und beklatscht, doch die Betroffenen haben nichts von einem Bravo. Sie brauchen gute Rahmenbedingungen.“ Um das Arbeiten im Sozialbereich attraktiver zu gestalten, gäbe es verschiedene Schrauben, an denen man drehen könnte, so Aster. Eine davon sei eine gesicherte Kinderbetreuung, auch in den Ferien. „Viele Mütter würden gerne in diesen Job einsteigen. Doch im Sozialbereich gibt es kaum die Möglichkeit, nur am Vormittag zu arbeiten. Allein schon im Sinne der Regionalentwicklung braucht es dringend einen Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten“, sagt die Leiterin von Liezens Jugend am Werk. Für geänderte Rahmenbedingungen spricht sich auch Lebenshilfe-Ennstal-Chefin Gertrude Rieger aus, die als wichtige Punkte eine Anpassung des Gehalts und einen höheren Personalschlüssel nennt. Letzterer wäre vor allem eine dringende Notwendigkeit in Altenpflegeeinrichtungen. „Die Überarbeitung von Pflegepersonal war medial sehr präsent. Pflegeeinrichtungen haben ein strammes, enges Personalkorsett, jedes Haus würde sich wohl mindestens fünf Mitarbeiter* mehr wünschen“, bestätigt auch Fachschuldirektor Jürgen Jenecek. Unter seiner Leitung werden derzeit rund 370 Schüler* in sozialen Berufen am Bildungszentrum Nord in Rottenmann ausgebildet.

Eine Fachschule für die Region

Zusätzlich zum Vollzeitmodell ist es an der Fachschule der Caritas Rottenmann auch möglich, die Ausbildung berufsbegleitend zu absolvieren. „Es gibt viele, die sich erst später für die Arbeit mit Menschen berufen fühlen, weshalb es bei uns eigene Erwachsenenbildungsklassen gibt“, erklärt Jenecek. Wie groß die Nachfrage an diesem Sondermodell ist, zeigt sich an den Anmeldungen für das nächste Schuljahr: Gleich zwei Erwachsenenklassen starten im Herbst. Trotz des ungebremsten Zulaufs seien Anmeldungen für jeden Zweig weiterhin möglich, bestätigt Jenecek und beschreibt die Vorteile einer dementsprechenden Ausbildung: „Sozialberufe sind sehr krisensicher und bieten ein abwechslungsreiches Berufsfeld mit viel Weiterentwicklungspotenzial, das nicht nur an pflegende Tätigkeiten gebunden ist“, so Jenecek. Neben der fachlichen Kompetenz sind „Freude, Empathie und Wertschätzung für den Menschen wichtige Grundvoraussetzung für den Einstieg in einen Sozialberuf“, betont Lebenshilfe-Leiterin Gertrude Rieger. Soziale Kompetenzen, die ebenso am Bildungszentrum Nord vermittelt werden. „Manche müssen erst lernen, sich zu öffnen. Auch das ist ein Teil der Ausbildung“, sagt Jürgen Jenecek. Rund drei Jahre ist es nun her, dass sich die Bildungseinrichtung an einem neuen Standort vergrößert und als regionaler Ausbilder im Sozialbereich positioniert hat. „Jene, die aus der Region stammen und bei uns die Ausbildung absolvieren, haben auch die Intention diesen Beruf im Bezirk auszuüben“, betont Direktor Jenecek. Somit nimmt das Bildungszentrum Nord der Caritas eine wichtige Rolle in der regionalen Personalbesetzung ein.

Österreichweites Desaster

Mit dem Problem der Personalknappheit im Sozialbereich steht man im Bezirk Liezen nicht alleine da. Zuletzt waren in Österreich rund 127.000 Menschen in der Pflege beschäftigt. Aufgrund der demografischen Entwicklung schätzen Experten* den zusätzlichen Bedarf an Personal bis ins Jahr 2030 auf 75.700 Personen ein. Dem zu Grunde liegt eine Studie der Gesundheit Österreich GmbH (2019), die eine Vorhersage für den gesamten Bereich der Gesundheits- und Krankenpflegeberufe inklusive Sozialbetreuungsberufe mit Pflegekompetenz und der Heimhilfe im Bereich der Akut- und Langzeitbetreuung umfasst. „Die Politik muss sich dringend überlegen, welche Veränderungen nötig sind, damit sich Mitarbeiter* gut aufgehoben und verstanden fühlen. Nur so können sie mit Empathie bestmöglich ihre Arbeit machen und der Beruf im Gesamten gewinnt an Attraktivität“, richtet Elfriede Aster einen Appell an die Entscheidungsträger.

* Der Begriff bezieht sich sowohl auf Frauen als auch auf Männer und wurde lediglich aufgrund der besseren Lesbarkeit nicht gegendert.