Es gehen uns die Arbeitskräfte aus

Mit der wirtschaftlichen Performance wächst auch der Mitarbeiterbedarf. Das Personal wurde bereits um 30 Prozent aufgestockt, derzeit sucht die Landena noch immer 52 Arbeitskräfte.

Unbelegte Betten in Pflegeheimen, Mitarbeiter aus Ungarn, Lehrlinge aus Spanien. Aufgrund des wirtschaftlichen Wachstums und der rückläufigen demografischen Entwicklung ist der Bezirk Liezen nicht mehr in der Lage den Mitarbeiterbedarf zu decken.

Die Arbeitslosenquote im Bezirk Liezen liegt derzeit bei 5,1 Prozent. Das ist steiermarkweit die niedrigste. Aktuell suchen über 2000 Menschen Arbeit, die Hälfte davon hat bereits eine Einstellungszusage. „Das heißt, das Arbeitskräftepotenzial auf das wir tatsächlich zurückgreifen können, ist deutlich geringer“, sagt AMS-Geschäftsstellenleiter Helge Röder. Gleichzeitig sind 1400 offene Stellen beim AMS gemeldet, was mehr als doppelt so viele sind als vor der Corona-Krise. „Im Vorjahr hatten wir über einige Monate mit einer Arbeitslosenquote von 3,3 bis 3,6 Prozent Vollbeschäftigung. Das sind Werte, die hatten wir seit 30 Jahren nicht mehr“, so Helge Röder. Was beim ersten Hinhören gut klingt, bringt Probleme auf der anderen Seite mit sich. „Es entwickelte sich aus einem Arbeitgeber- ein Arbeitnehmermarkt“, so Röder. Die Betriebe sind gewachsen, während die Bevölkerung, insbesondere im Bezirk Liezen, abnimmt. Mit zielgerichteten Mitarbeiter-Marketingmaßnahmen kämpfen viele Unternehmen händeringend um die Gunst der vergleichsweise wenigen Jobsuchenden.

Dringend benötigte Betten sind unbelegt

Drastisch zeichnet sich der Arbeitskräftemangel im Gesundheitswesen ab. So sind derzeit allein im SeneCura-Pflegeheim in Schladming 22 Betten unbelegt, weil die gesetzlich vorgeschriebenen Pflegekräfte fehlen. Dabei gebe es großen Bedarf an Pflegeheim-Betten. „Allein in Schladming fehlen 15 Mitarbeiter. Das sind ein Drittel der Pflegekräfte“, sagt Hausleiter Ewald Gallob. „Insgesamt haben wir in den SeneCura-Sozialzentren Schladming – Altenmarkt – Radstadt eine Gesamtkapazität von 203 Betten. 39 davon sind unbelegt, weil wir sie aufgrund des Personalmangels nicht betreuen können.“ Um dem Vakuum entgegenzuwirken, forciert SeneCura in Kooperation mit dem AMS und der ZAM-Stiftung Pflegeassistentenlehrgänge in Rottenmann und Schwarzach. Beide Lehrgänge starten im März. Absolventen des 14-monatigen Lehrgangs haben eine fixe Jobgarantie in der Tasche. „Im Schnitt verdienen Pflegeassistenten um die 2000 Euro netto. Und das bei einer 37-Stunden-Woche“, so Gallob. Während der Ausbildung bekommen die Teilnehmer eine Entschädigung und können geringfügig dazuverdienen. Laut Helge Röder sinken die Teilnehmerzahlen für Ausbildungsangebote: „Vor ein paar Jahr konnten wir sogar noch ausselektieren. Jetzt sind wir froh, wenn genug Teilnehmer für einen Kurs zusammenkommen.“

Eine Wohnung ist obligat

Dass man neue Wege gehen muss um den Mitarbeiterbedarf zu decken, weiß auch Gerhard Höflehner. Ohne über die Grenzen zu greifen, kann der Mitarbeiterbedarf seit Jahren nicht mehr gedeckt werden. „Wir haben wenig Mitarbeiter aus der Region. Eine Dienstwohnung ist folglich ein ‚Must-have‘.“ Die Tourismusbranche habe in den letzten Jahren ein verstaubtes, angekratztes Image als Arbeitgeber verpasst bekommen. Zum Teil selbst verschuldet, zum Teil geschah das zu unrecht. „Die Lockdowns waren Gift für uns“, sagt Gerhard Höflehner. Nicht wenige Mitarbeiter haben sich aufgrund der unsicheren Zukunftsperspektiven um­orientiert. „Jetzt erkenne ich, dass die Talsohle erreicht ist. Aber um Mitarbeiter zu finden, muss man entsprechend gut aufgestellt sein“, ist sich Höflehner sicher. Anders als im Handel, könne man im Tourismus flexibler agieren. „Das hat auch sehr viel mit Arbeitszeitmodellen. Selbst für eine Acht-Stunden-Kraft lässt sich eine Jobmöglichkeit finden. Da werden wir uns in Zukunft noch flexibler ausrichten müssen.“ Und das könne auch die Chance sein, den Tourismus-Arbeitsplatz zu entstauben.

Starkes Wachstum, keine Leute

„Die Personalakquise ist ein laufender Prozess geworden“, sagt Landena-Geschäftsführer Martin Würfel. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen derzeit 550 Mitarbeiter. Mit dem starken wirtschaftlichen Wachstum steigt auch der Mitarbeiterbedarf in der Landena massiv. Im letzten Jahr wurde das Personal um knapp 30 Prozent aufgestockt. Derzeit sucht das Unternehmen 52 zusätzliche Mitarbeiter. Nachdem das Werk an der Kapazitätsgrenze angelangt ist, eröffnet im August eine weitere Linie im Tiernahrungsbereich. „Allein für die neue Linie suchen wir 20 Mitarbeiter“, sagt Martin Würfel. „Bis zum letzten Jahr waren wir in der Lage den Mitarbeiterbedarf aus dem Bezirk zu decken. Das schaffen wir jetzt nicht mehr.“ Deswegen rekrutiert das Unternehmen bereits Mitarbeiter aus dem Osten. Das sind zum Teil Wochenend-Pendler, zum Teil siedeln sich Familien an. In Zukunft müsse man auch eigene Unterkünfte für Mitarbeiter andenken, wie es in der Tourismus-Branche bereits üblich ist.

Lehrlinge aus Spanien

Auch der Handel ist eine Branche mit mäßigen Personalreserven. Bei Landmarkt sind derzeit 40 offene Stellen ausgeschrieben. Vorrangig kämpft die Supermarkt-Sparte um Mitarbeiter. Besonders spitze es sich in den Tourismusregionen zu, sagt Landmarkts Personalentwicklerin Sigrun Voitle. Dort werden die Geschäfte gestürmt, personell sei man am Limit. Als letzte Konsequenz mussten bereits Öffnungszeiten reduziert werden, weil die knapp besetzte Belegschaft zusätzlich mit Corona-Ausfällen zu kämpfen habe. Lehrlinge zu finden sei schon längere Zeit schwierig. Die Situation habe sich allerdings noch weiter verschärft. „Derzeit arbeiten wir an einem Programm mit, das junge Erwachsene aus Spanien rekrutiert“, berichtet Sigrun Voitle. Die Initiative des Trofaiacher Unternehmers Josef Missethon „Talents for Europe“ zielt darauf ab, den heimischen Lehrlings- und Fachkräftemangel mit hohen Arbeitslosenzahlen in anderen europäischen Ländern auszugleichen. Das Unternehmen bereitet junge Menschen sprachlich vor und vermittelt sie an heimische Firmen.

Letzte Reserven mobilisieren

„Wenn wir es nicht schaffen die Erwerbsfähigkeit im Bezirk zu steigern, werden wir in den nächsten Jahren ein Problem kriegen. Nicht nur in Bezug auf die Wirtschaft, sondern auf mehreren Ebenen wie beispielsweise dem Schulsystem“, prognostiziert Helge Röder. Neben der gezielten Ausbildung der Jugend habe man nur mehr eher unbeliebte Maßnahmen zur Verfügung, um die letzten Reserven zu mobilisieren. Durch Erhöhung des Pensionsantrittsalters könnte das Erwerbsleben verlängert werden. „Wo ebenfalls die Meinungen auseinandergehen, ist der Ausbau der Kinderbetreuung, damit Frauen wieder ins Erwerbsleben einsteigen können“, so Röder. Ein weiterer Ansatzpunkt ist der gezielte Zuzug aus dem Ausland, worauf ohnehin schon einige Unternehmen angewiesen sind.