Erneuerung der Hochspannungsleitung durch das Ennstal

Seit 70 Jahren Teil des Landschaftsbildes: Die 220-kV-Hochspannungsleitung der APG. In den nächsten Jahren wird die Freileitung vollständig erneuert, die Masten werden zum Teil bis zu zehn Meter höher. Foto: Ennstaler

Höher und mehr Kapazität auf gleicher Strecke: Die 220-kV-Leitung zwischen Weißenbach/Liezen und Wagrain wird generalerneuert. Trassenabrückungen sind nicht vorgesehen – das stößt auf Unverständnis bei manchen Grundbesitzern.

Für die Stabilität des österreichischen Stromnetzes ist der unabhängige Stromnetzbetreiber Austrian Power Grid (APG) verantwortlich. Das APG-Netz erstreckt sich über etwa 3400 Kilometer mit 12.000 Masten durch ganz Österreich. Die Leitung durch das Ennstal ist eine wichtige Ost-West-Verbindung zu den großen Pumpspeicherkraftwerken. Aufgrund der Verzögerung beim Bau der Salzburg-Leitung musste der Netzbetreiber im Vorjahr um 18,5 Millionen Euro die 220-kV-Leitung durch das Ennstal erneuern. Die Leiterseile der 125 Kilometer langen Trasse zwischen Weißenbach/Liezen und Kaprun wurden vollständig getauscht. Nun soll die 1949 in Betrieb genommene 220-kV-Leitung bis Wagrain komplett erneuert werden. Das bedeutet, dass sämtliche Komponenten an der 73 Kilometer langen Leitung, wie Masten, Fundamente, Beseilung, Erdung und Armaturen, modernisiert werden. Die Gesamtkosten betragen 100 Millionen Euro. Das bestehende Einfach-Seil wird durch ein Zweier-Bündel ersetzt, dadurch erhöht sich die Übertragungsleistung der Leitung, gleichzeitig reduziert sich das sogenannte „Korona-Geräusch“ (das bekannte Knistern einer Stromleitung).

Keine Verschlechterung, Trassenführung bleibt

Der Trassenverlauf bleibt bei der Generalerneuerung ident, die neuen Masten werden standortgleich mit den bestehenden Masten errichtet. Einzige Ausnahme: Zwei Masten, die sich in einem Schutzgebiet in Wörschach (Natura 2000) und Mitterberg-Sankt Martin (Wasserschutzgebiet) befinden, werden entfernt. Je nach Standort und Notwendigkeit erhöhen sich die Masten um bis zu zehn Meter, damit es in Bezug auf elektrische und magnetische Felder bei Wohnobjekten zu keiner Verschlechterung gegenüber der Bestandsleitung kommt. Ein von der APG im Juni 2020 angeregtes UVP-Feststellungsverfahren bei der Steiermärkischen Landesregierung hat ergeben, dass die Generalerneuerung der Leitung nicht UVP-pflichtig ist. Diese Entscheidung wurde vom Bundesverwaltungsgericht (BVwG) bestätigt. Ende 2021 wurde das Projekt bei der zuständigen Behörde, dem Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK), eingereicht.  

Verhandlung in Gröbming

Am vergangenen Dienstag, dem 12. Juli, fand die Verhandlung im Kultursaal der Marktgemeinde Gröbming statt. Nach der Präsentation des elektrotechnischen und des humanmedizinischen Gutachtens wurden die Einwendungen und Fragen behandelt. Im Vorfeld gaben Grundbesitzer und Gemeinden in etwa hundert Stellungnahmen ab. Rund 50 Betroffene nahmen an der Verhandlung teil und das knapp 20-köpfige Team der APG stand den Einwendungen und Fragen Rede und Antwort. Einer der Hauptpunkte, die diskutiert wurden, war die Geräusch-Emission der neuen Leitung. Die APG versicherte, dass die neue Leitung leiser wird.

Trassenabrückung nicht vorgesehen

Unverständlich schien einigen Teilnehmern, dass eine Abrückung der Trasse nicht zur Debatte stand. Die Trasse sei vor 70 Jahren bestimmt worden, jetzt könne man Fehler beheben und auf Entwicklungen der letzten Jahrzehnte reagieren, so der Tenor. „Ich appelliere an die Menschlichkeit und Vernunft der Behörden und Betreiber diese Fehler auszumerzen“, so ein betroffener Landwirt aus Stainach. Eine bereits genehmigte Trassenführung wurde seinerzeit durch Intervention von Graf Hohenlohe nochmals verändert und verlaufe über sein Wohnhaus und seinen Stall – das könnte jetzt korrigiert werden, so der Landwirt. Neben einzelnen Grundbesitzern im Ennstal regte sich vor allem im Schladminger Raum Widerstand gegen die geplante Umsetzung. So meldete sich auch Schladmings Vizebürgermeister Hans-Moritz Pott zu Wort, einerseits als Gemeindevertreter, andererseits als Rechtsanwalt: „Trassenänderungen sind notwendig und sinnvoll.“ Die APG dürfe sich nicht hinter dem Antrag „verstecken“. Aus seiner Sicht seien allenfalls Voraussetzungen für eine Umweltverträglichkeitsprüfung gegeben, er werde mehr Gutachten fordern.

Erdkabel vs. Freileitung

Die Hochspannungsleitung zieht sich beim Sonnenhang in Schladming mitten durch das bebaute Wohngebiet. „Da gehört dringend ein Erdkabel rein“, sagt der Obmann der Bürgerschaft Schladming, Karl Royer. „Es wird sicher nicht einfach sein, gegen einen Moloch wie die APG anzukämpfen. Ich möchte mir aber später keinen Vorwurf machen, nichts getan zu haben.“ Gleich zu Beginn erklärte Verhandlungsleiter Michael Siegl aus dem Bundesministerium für Umwelt und Energie, dass ein Erdkabel nicht Gegenstand der Verhandlung sei. „Ein Erdkabel ist ein massiver Eingriff in die Natur“, erklärt APG-Sprecher Stefan Walehrach, außerdem sei das im besiedelten Gebiet, in einem engen Tal nicht einfach umzusetzen: „Es braucht genauso eine Leitungstrasse und würde neue Betroffenheiten schaffen. Was Lebenszeit und Wartungskosten betrifft, liegen die Vorteile klar bei einer Freileitung.“

Keine Alternative

„Die Trasse geht direkt an unserem Hof vorbei, der Stall ist weniger als zehn Meter entfernt“, sagt der Obmann der Schladminger Ortsbauern, Harald Buchsteiner. Was ihn störe, dass nicht über Alternativen nachgedacht werde. Wenn schon kein Erdkabel möglich sei, dann wenigstens die Abrückung von einer Trassenbreite, weg von den Gebäuden: „Das hätten wir gerne von einem unabhängigen Sachverständigen beurteilen lassen.“ Dazu fehle es an Zeit und finanziellen Mitteln. Angesichts der Komplexität und des Umfangs des Projekts sei man zu kurzfristig informiert worden. „Das ganze Projekt war fix und fertig ausgearbeitet – Alternativen unmöglich“, so Buchsteiner. Nachdem auch eine Änderung der Trassenführung nicht eingereicht wurde, steht auch das nicht zur Verhandlung.

Dringlichkeit

Die APG rechnet damit, dass alle notwendigen Verfahren Mitte 2023 abgeschlossen sind. Im Hinblick auf die geopolitische Situation, den steigenden Energiebedarf und die Ambitionen für mehr erneuerbare Energie habe das Projekt eine sehr hohe Dringlichkeit, heißt es vonseiten des Netzbetreibers. Umgesetzt wird die General­erneuerung spätestens von 2025 bis 2027 im unmittelbaren Anschluss an die Fertigstellung der Salzburg-Leitung. Insgesamt investiert die APG in den kommenden zehn Jahren rund 3,5 Milliarden Euro in die Stromnetzinfrastruktur.