Der Wolf: Almwirtschaft braucht finanzielle Unterstützung

Knapp 3000 Wölfe leben in Italien, in Österreich sind es gerade einmal 40. (Angaben WWF). Foto: Ralph Frank

Während der Steirische Agrar- und Umweltclub auf eine wolfsfreie Steiermark pocht, orientieren sich erste Landwirte an europäischen Vorbildern. In der Schweiz steigt die Anzahl der Wolfsrudel, doch die Zahl der gerissenen Schafe sinkt.

Die Wogen in der Wolfsdebatte gehen hoch. Der Steirische Agrar- und Umweltclub fordert eine wolfsfreie Steiermark und verlangt gezieltes Handeln. 1900 Unterschriften „Gegen Tierleid – Zur Erhaltung der Almen“ hat der Club bereits gesammelt. In einer Presseaussendung heißt es: „In Österreich und den Staaten des europäischen Alpenraumes gibt es seit mehr als 100 Jahren keine Wölfe mehr. Er ist in unseren dicht besiedelten Gebieten niemandem abgegangen und das Ökosystem hat darunter ebenfalls nicht gelitten. Die angestammte Heimat der Wölfe sind die dünn besiedelten, waldreichen Regionen der nördlichen Erdhalbkugel, wie beispielsweise Russland, die Karpaten und auch Kanada. Der Wolf braucht weite, ausgedehnte Regionen, denn seine Population verdoppelt sich etwa alle drei Jahre.“

Stimmt nicht, betont der Verein gegen Tierfabriken mit Sitz in Wien. Ein Auszug der schriftlichen Stellungnahme des Vereins zur Pressekonferenz des Steirischen Agrar- und Umweltclubs lautet: „Bei der Pressekonferenz wurde fälschlich behauptet, Österreich sei so dicht besiedelt und daher gäbe es keinen Platz für den Wolf. Das Gegenteil ist der Fall. Österreich hat mit 0,39 Wölfen pro 1000 km² die EU-weit geringste Wolfsdichte. In der Slowakei liegt sie bei 9,3 Wölfen pro 1000 km², in Rumänien bei 11,54 und in Lettland bei 17,92. Italien ist doppelt so dicht besiedelt und hat eine 18-mal höhere Wolfsdichte, Polen ist um 14 Prozent dichter besiedelt und hat eine 15-mal höhere Wolfsdichte, und die Slowakei ist etwas dichter besiedelt und hat eine 24-mal höhere Wolfsdichte.“ Während viele Stimmen in Österreich für den Abschuss des Wolfes plädieren, steht die Frage im Raum: Wie gehen Österreichs Nachbarländer, deren Wolfspopulation um ein Vielfaches höher ist, mit dem großen Beutegreifer um? Schäfer Herbert Strolz und WWF-Experte Christian Pichler zeigen auf der Höfermahdalpe in Vorarlberg, wie Konflikte mit Wölfen reduziert werden können. Als Vorbild dient die Schweiz.

Von Nachbarländern lernen

Statt hitziger Debatten sucht man in Vorarlberg pragmatische Lösungen, um Konflikte mit der Nutztierhaltung zu minimieren. Herbert Strolz ist Landwirt, Schäfer und Hirte. Begleitet von seinem Hütehund Milo und Experten der Naturschutzorganisation WWF, erklärt er bei einem Lokalaugenschein auf 1900 Metern Höhe: „Freude haben wir keine mit den Wölfen. Auf unseren Almen wirtschaften wir schon jetzt unter schwierigsten Bedingungen. Wenn der Wolfsdruck steigt, bringt es das Fass zum Überlaufen. Aufgeheizte Emotionen und Rufe nach Abschuss bringen uns aber nicht weiter. Selbst wenn man illegal schießt, kommt ja der nächste.“ Österreich ist eines der letzten Länder Europas, das die streng geschützten Wölfe wieder besiedeln. In Italien, Deutschland oder der Schweiz leben sehr viel größere Populationen als hierzulande. Etwa 40 Wölfe sind es laut WWF in Österreich, je über 500 in Deutschland oder Frankreich, bis zu 2700 in Italien. Als Strolz 2014 erlebte, wie unweit seiner Herde erstmals ein Schaf gerissen wurde, ist er auf eigene Faust in die Schweiz gefahren. „Die haben ja viel mehr Wölfe als wir und ganz ähnliche Almstrukturen wie in Westösterreich. Wie funktioniert das dort?“, hat sich Strolz damals gefragt.

Wiederbelebung des Hirtenwesens

Heute kennt er mögliche Antworten, die für Bäuerinnen und Bauern allerdings eine große Herausforderung darstellen: „Im steilen Alpgelände braucht es Behirtung. Am besten noch den einen oder anderen Herdenschutzhund dazu. Die Schafe in der Nacht in einen kleinen, gezäunten Nachtpferch treiben. So wäre es ideal, aber auch sehr aufwendig“, erklärt der Landwirt. Mit den momentanen Förderungen und rechtlichen Rahmenbedingungen sei das in Österreich nur auf eigene Faust und mit viel Engagement möglich, sagt Strolz. „Die Almwirtschaft braucht dringend mehr Unterstützung durch die Politik. Die Herausforderungen sind seit Jahren bekannt, die Lösungen auch. Es muss endlich mehr passieren“, pflichtet ihm WWF-Wolfsexperte Christian Pichler bei und sagt: „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, sondern übernehmen, was in anderen Ländern gut funktioniert.“ In der Schweiz steige die Anzahl der Wolfsrudel, aber sinke die Anzahl gerissener Schafe pro Wolf. Italien habe nie verlernt, mit Wölfen oder Bären zu leben. Herdenschutz mit Hirten und Hunden sei dort eine Selbstverständlichkeit, so Pichler. Österreich hinke diesen Ländern noch stark hinterher. Das sei ein wesentlicher Grund dafür, dass die Diskussion bei uns so emotional und unsachlich geführt werde und die Almwirtschaft mit ihren Sorgen allein dastehe, meint Herbert Strolz. Dabei liegen die Lösungen abseits verbotener Abschüsse auf der Hand, ist Pichler vom WWF überzeugt: „Durch Behirtung, Schutzhunde oder Elektrozäune lernen Wölfe den Unterschied zwischen erlaubter Beute wie Rehen und verbotener Beute wie Schafen. Anders verstehen sie es nicht. Ungeschützte Herden sind und bleiben eine leichte Beute für Wölfe, obwohl sie sich zu 99 Prozent von Wildtieren ernähren.“

Gezielte Weideführung

Der Landwirt und die Naturschutzorganisation teilen ein zentrales Anliegen. Die Wiederbelebung des traditionellen Hirtenwesens sei der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme. „Jedes Jahr sterben tausende ungeschützte Schafe durch Unwetter, Krankheit oder Steinschlag. Das sind viel häufigere Todesursachen als Wölfe. Mehr Behirtung kann diese Verluste und auch Risse durch Wölfe stark reduzieren“, sagt Christian Pichler. Zudem schütze eine gezielte Weideführung auch vor Bodenerosion und sei gut für die Artenvielfalt. Über- bzw. Unterbeweidung würde verhindert und damit wichtiger Lebensraum für etwa Pflanzen und Vögel erhalten. Schäfer Herbert Strolz beklagt, dass Landwirte bisher viel zu wenig informiert werden, was möglich ist: „Wir brauchen Experten, die uns auf unseren Weideflächen, Voralpen und Alpen erklären, was mit der Rückkehr der Wölfe auf uns zukommt. Die uns zeigen, wie wir unsere Herden bestmöglich im alpinen Gelände schützen können. Die aber auch Klartext sprechen, wo eine Alpung nicht mehr geht.“

Finanzielle Unterstützung dringend nötig

Die Wiederbelebung des Hirtenwesens sei der effektivste Weg, um eine konfliktarme Koexistenz von Almwirtschaft und Wölfen zu ermöglichen, sagen Pichler und Strolz. „In Italien oder Rumänien haben sie nie verlernt, was wir hier versuchen neu zu erfinden. Wir müssen uns erfolgreiche Maßnahmen abschauen und in Österreich umsetzen“, appelliert Pichler an die Politik, keine Zeit mehr verstreichen zu lassen, denn: „Ohne Unterstützung schaffen wir Landwirte das nicht“, sagt Strolz. „Wenn wir die berechtigten Sorgen unserer Bäuerinnen und Bauern ernst nehmen, sie gut informieren und unbürokratisch im Herdenschutz unterstützen, ist ein Zusammenleben mit Wölfen auch bei uns möglich“, zeigt sich WWF-Experte Pichler überzeugt.Nutztiere zu schützen sei jedenfalls besser als Wölfe zu schießen, so Pichler. Denn selbst eine Bejagung könne nicht verhindern, dass Wölfe aus den Nachbarländern durch Österreich streifen. „Mehr Herdenschutz ist das oberste Gebot, sonst führen wir weiter Jahr für Jahr die gleiche Diskussion, ohne der Almwirtschaft konkret zu helfen“, sagt Christian Pichler.

Die Gesundheitspolizei des Waldes

Wird Herdenschutz fachgerecht angewandt, meiden Wölfe Schafherden und konzentrieren sich auf ihre Rolle als „Gesundheitspolizei“ des Waldes, so Pichler: „Sie erbeuten vor allem kranke und schwache Wildtiere und halten damit den Wildbestand in guter Kondition. Gleichzeitig senken sie die zu hohe Zahl an Rehen, Hirschen und Wildschweinen in Österreich, die zu starken Verbissschäden in Wäldern führt“, erklärt der Biologe. Dass Wölfe gut für Wälder und die Eindämmung von Krankheiten sind, aber auch Nahrungsreste für andere Schlüsselarten wie etwa Adler hinterlassen, gerät angesichts der emotionalen Debatten oft in Vergessenheit, meint der WWF. „Es ist vollkommen verständlich, dass Landwirte mit der Rückkehr von Beutegreifern keine Freude haben. Wenn man sie nach Vorbild vieler Nachbarländer im Herdenschutz unterstützt, macht das auch wieder den Blick dafür frei, welch wichtige Rolle Wölfe in einer intakten Natur spielen. Und eine vielfältige, gesunde Natur ist letztlich unser aller Lebensgrundlage – gerade für unsere Bäuerinnen und Bauern, deren hervorragende, regionale Produkte wir auch in Zukunft genießen wollen“, sagt Christian Pichler.