Der letzte Flug der Lerche

Am 24. Mai wird die seit Jänner 1967 im Dienst des Österreichischen Bundesheeres befindliche

„Alouette III“ ausgemustert. Über 198.000 Flugstunden wurden seit damals auf dieser Type absolviert.

Als am 27. Jänner 1967 vier „Alouette III“ (französisch für „Lerche“) in Marignane (Frankreich) starteten und über Lyon Bron, Genf, Zürich nach Lochau in Vorarlberg flogen, wurde eine neue Ära der militärischen Flie­ge­rei in Österreich eingeläutet.  Lochau deshalb, weil die Maschinen dort erst einmal verzollt werden mussten, bevor sie nach Linz-Hörsching überstellt werden durften. Der Stand­ort in Aigen im Ennstal wurde als

II. Geschwader aufgebaut und seither fanden viele Männer aus der Region dort ihren Brot­erwerb. Die strukturschwache Region wurde aus gutem Grund für den Standort des späteren Geschwaders ausgewählt: bei allen Wetterlagen können sich die kundigen Piloten sowohl nach Süden als auch nach Westen entlang der Täler weiterhangeln, während im Donauraum bei Nebel die Maschinen am Boden bleiben mussten.

 

Erste „Drehflügler“ landen

Die Helikopter-Fliegerei beim Bun­des­heer wurde im Februar 1956 begonnen, als ein „Bell 47G (H-13)“, später neun weitere „Agusta-Bell AB-47G2“ aus Italien als die ersten „Drehflügler“ in Österreich landeten. Es folgten „Alouette II“ sowie „Sikorsky S-55“-Maschinen, die jedoch schrittweise durch 26 mittlere Transporthubschrauber der Type „AB-204B“ – auch „Huey“ genannt –  ersetzt wurden. Im Jahr 1970 wurden noch elf Ma­schinen des Typs „AB 206 Jet­Ranger“ und zwei Schwerlast­hub­schrauber „Sikorsky S-65Oe“ be­schafft. Zwölf Kampfhubschrauber des Baumusters „Bell OH-58 Kiowa“ folgten 1976. Mit der Lawinen­kata­strophe von Galtür im Jahr 1999 stellte sich heraus, dass nicht ausreichend Helikopter-Transportkapazi­täten zur Verfügung standen und es wurden neun „Sikorsky S-70A-42 Black Hawk“ Transporthubschrauber erworben.

 

Geschichtsträchtige Aufgabenstellungen

Die Aufgaben für die französischen Hubschrauber mit den hell singenden Turbinen wurden alsbald immer mehr. Die Feuertaufe fand im Juli 1967 im Rahmen eines Assistenz­einsatzes an der östereichisch-italienischen Grenze statt. Bis Ende Dezember verlegten die Maschinen die Truppen und absolvierten Aufklärungsflüge im Rahmen der Unruhen in Südtirol. Später war die Alouette auch während der ČSSR-Krise, dem „Prager Frühling“ an der  östlichen Staatsgrenze im Einsatz. Die heimischen Piloten des Flieger­horstes Fiala-Fernbrugg in Aigen waren derart professionell, dass sie 1973 zu den Hubschrauber-Weltmeister­schaften in England entsandt wurden, und dort den hervorragenden dritten Platz erreichten. Der hohe Ausbildungs­stand und deren exzellenten Kenntnisse bei der Landung im Hochgebirge brachten immer wieder Militär-Hub­schrauber­teams aus anderen euro­pä­ischen Ländern ins Ennstal, um hier zu trainieren und von den Besten zu lernen.

 

Im Auftrag der Gesundheit

Der für die Region wohl wichtigste Auftrag kam 1986, als das Geschwader mit seinen zwei Staffeln mit je zwölf Hubschraubern damit be­auftragt wurde, eine Flug­ein­satzstelle mit Notarzthubschrauber zu betreiben. Die Crew bestand aus Pilot, Bordtechniker/Notfallsanitäter, Not­arzt und Flugretter, die vom Heer, der Gendarmerie und der Bergrettung gestellt wurden. Es ist kaum in Worte zu fassen, welches Renommee sich das Bundesheer in Aigen dadurch erwarb. 7.000 Personen wurden bei mehr als 8.300 realen Not­arzt­hubschraubereinsätzen gerettet, über 6.000 Flugstunden im Rahmen dieses Auftrages abgearbeitet. Schrittweise wurden alle 24 Heli­kopter des Geschwaders in Aigen für Notarzteinsätze adaptiert.

 

Privatisierung öffentlicher Aufgaben

Der Notarzthubschrauberdienst en­de­te am 30. Juni 2001. Mit der Ent­scheidung, diese lebensrettende Ein­richtung in private Hände zu legen, wurde die Kaserne in Aigen über Jahre ins künstliche Koma versetzt. Aufgrund der Unsicherheit, der besseren Be­zahlung und der Karriere­aussichten wechselten rund 20 der gut ausgebildeten Militärpiloten in die Privat­wirt­schaft, die Mannschaft in Aigen wurde mehr als halbiert. Die Rettungsfliegerei ist bares Geld – wovon die Streitereien der privaten Hubschrauberunter­neh­men in West­österreich ein verstörendes Zeugnis ablegen. Unheimliche Summen können damit pro Flug­minute lukriert werden und der Wettbewerb ist gleichermaßen hart als auch riesig.

Warum die Rettungsfliegerei, die eindeutig im öffentlichen Inter­esse liegt, nicht durch die Piloten des Bundesheeres aus Aigen bewerkstelligt werden können ist fraglich. Die Maschinen stehen bereit, die Stun­den müssen so oder so geflogen werden – im Sinne eines Nachhaltigkeits­ge­dan­kens wäre es in Summe auch günstiger für den Steuer­zahler, wenn in gewissen Teilen Österreichs keine Parallelstrukturen erhalten werden müssten.

 

Demontage des Damoklesschwerts

Mit der Ersatzbeschaffung der „Leonardo AW169“ für die nun bald außer Dienst gestellten „Alouette III“ wurde das seit Jahrzehnten hängende Damoklesschwert über Aigen ab­montiert und den Piloten und Tech­nikern eine moderne Hub­schrauber­type zur Verfügung gestellt, die für alle Aufgaben vorbereitet ist. Mit dem Zulauf der dann insgesamt 36 Heli­kopter neuester Bauart, davon zwölf im Ennstal, wäre es an der Zeit, die Aufgaben­stellungen an die Flieger in Aigen im Interesse der Öffent­lichkeit neu zu überdenken und die solide und professionelle Arbeit der Mann­schaft dahingehend wertzuschätzen und aufzuwerten, indem man ihnen wieder Aufgaben überantwortet, für die sie wie geschaffen sind.

Bevor für einen Einsatz im Ausseer­land – wie aktuell laut Gesetz notwendig – ein Hubschrauber des Innenministeriums aus Graz, Klagenfurt oder Salzburg angefordert wird, wären die Piloten aus Aigen in kürzerer Zeit und kostengünstiger vor Ort.

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