Dachstein: Gletscher schmilzt rasant ab

Unter www.apptauen.at gibt es eine Simulation der Gletscherschmelze von 1856 bis 2100.

Gletscher sind empfindliche Klimaindikatoren. Das Abschmelzen ist eines der sichtbarsten Zeichen, dass sich das Klima markant verändert. Der Dachstein, insbesondere der Hallstätter Gletscher, hat in den vergangenen Jahren mehr als 42 Prozent seiner Fläche eingebüßt.

Der am Hohen Dachstein gelegene Hallstätter Gletscher ist mit einer Fläche von knapp drei Quadratkilometern der größte Gletscher der nördlichen Kalkalpen. Zwischen 1840 und 1850 begannen die ersten wissenschaftlichen Arbeiten am Dachstein durch Friedrich Simony. Im Jahre 1896 wurde er das erste Mal kartiert. Bereits dazumal konnte ein Rückgang des Gletschers festgestellt werden. Seit 2007 gibt es das Projekt „Untersuchung von Klima und Massenhaushalt am Dachsteingletscher“ von Blue Sky Wetteranalysen und dem ifg (Institut für Gebirgsforschung der Akademie der Wissenschaften in Innsbruck). Hierzu wurde ein Monitoringsystem aufgebaut, mit welchem erforscht wird, wie viel der Gletscher in Abhängigkeit von der Witterung an Masse verliert oder gewinnt. Vor zehn Jahren konnten Vorausberechnungen durchgeführt werden, wie es mit dem Dachstein weitergeht. „Die Prognosen von damals haben uns bereits weit überholt“, erklärt Klaus Reingruber, Geschäftsführer von Blue Sky Wetteranalysen und Meteorologe, und fährt fort: „Es wird schneller wärmer als man glaubt, die Schmelze schreitet vor allem seit der Industrialisierung zügig voran. Wir befinden uns mitten im Klimawandel.“

Düstere Prognosen

Mit dem Ende der letzten Eiszeit (ca. 1840–1850) gingen die Gletscher ständig zurück, verstärkt jedoch seit der letzten Jahrtausendwende. Um 1856 erreichte der Dachstein-Gletscher seinen letzten Hochstand. Er besaß zu diesem Zeitpunkt eine Fläche von 5,27 Quadratkilometern. In den vergangenen 150 Jahren verlor er 42,3 Prozent an Fläche (heute 2,4 Quadratkilometer) und ging auf 37 Prozent seines damaligen Volumens zurück. Die durchschnittliche Eisdicke betrug 1856 rund 75 Meter, 2022 nur mehr 42 Meter, im Jahr 2100 werden es 14 Meter sein. Berechnungen haben ergeben, dass die drei Gletscherzungen am Dachstein in den kommenden fünf bis zehn Jahren vollständig geschmolzen sein werden. In den oberen Gletscherbereichen im Bereich von 2600 bis 2800 Meter wird es noch 20 bis 30 Jahre länger dauern. Unter der Webadresse www.apptauen.at können sich Interessierte eine Simulation des Gletscherschmelzens ansehen.

Waldgrenze steigt

Durch die derzeitigen klimatischen Verhältnisse schmelzen die Gletscher rasch ab. Im Winter sollen Niederschläge die Verluste der Sommermonate ausgleichen. Bleibt der Schneefall jedoch aus, kann der Gletscher keinen „Polster“ mehr anlegen, der Permafrost taut auf, der Gletscher beginnt zu schmelzen. Idealerweise ist die Gletscheroberfläche schneebedeckt und reflektiert einen Großteil der Sonnenstrahlen. Durch den Saharastaub im heurigen Frühjahr nahm die Gletscheroberfläche mehr Wärme auf, was die Abschmelzung noch weiter beschleunigte. Im vergangenen Winter kamen noch weniger Schneefälle als üblich hinzu, das Eis am Dachstein wurde um rund drei Wochen früher freigelegt als in den vergangenen Jahren. Einhergehend mit den steigenden Temperaturen wird die Waldgrenze künftig weiter steigen mit Auswirkungen auf Flora und Fauna. Dort wo der Gletscher bereits geschmolzen ist, erobern Pflanzen die Flächen.

„Nicht mehr umkehrbar“

Mittlerweile ragen am Hallstätter Gletscher viele Felsen heraus, welche im Sommer warm bleiben und somit die Gletscherschmelze verstärken. Aber nicht nur der Gletscher wird abtauen, der Fels, welcher früher durch das Eis geschützt und gefroren war, bricht. Durch das Abschmelzen werden Schuttareale freigelegt. Es kommt zu Zerfallserscheinungen und genau dies birgt Gefahr für Mensch und Infrastruktur. „Dieser Prozess ist fast nicht mehr umkehrbar“, erklärt Reingruber.

Touristische Nutzung bald passé?

Der Gletscher gilt außerdem als Wasserspeicher, der in den letzten Jahren viel mehr „angezapft“ wurde. Durch das rasante Schmelzen ist mehr Wasser abgeflossen, es wird schließlich sukzessive versiegen. Wie sich dies speziell in Bezug auf den Hallstätter-Gletscher meteorologisch auswirken wird, ist fraglich, denn das Wasser am Dachstein rinnt unterirdisch ab. Auszugehen ist aber davon, dass die Wasserspende im Sommer geringer werden wird, der Grundwasserspiegel sinkt gebietsweise. Die Gletscherschmelze hat auch Auswirkungen auf die touristische Nutzung: Die Grenze für Schneesicherheit steigt, auch das Bergsteigen im Hochgebirge wird durch die zunehmenden Steinschläge gefährlicher werden.

Klimaschutz

Forschungsprojekte, wie jenes von Blue Sky am Dachstein, dienen dazu, wissenschaftliche Fakten der Öffentlichkeit zu liefern, um auf das Gletscherschmelzen aufmerksam zu machen. Aber wie kann nun entgegengewirkt werden? „Wir müssen den Klimaschutz weiter vorantreiben. Jedes halbe Grad dämpft das Gletscherschmelzen“, appelliert Reingruber. So sind bereits heuer mindestens 3,5 Meter an Eisdicke weggeschmolzen. Man versucht zu retten, was es zu retten gibt: Am Dachstein werden z. B. einzelne Areale mit Folie abgedeckt, um die Schneedecke zu schützen und so die Sonnenreflektion so gering wie möglich zu halten. „Es funktioniert, ist aber mit einem enormen Aufwand verbunden“, sagt der Meteorologe. Der Klimaschutz wird allenfalls für Natur und Mensch immer wichtiger werden.