APG stellte sich der Diskussion

Etwa 130 Interessierte kamen in den Schladminger Congress. Die Diskussion verlief auf professionellem Niveau. Zwischenrufe zeigten die Emotionen, die das Projekt mit sich bringt. Foto: Ennstaler

Emotionsgeladen aber professionell verlief die Informationsveranstaltung zur Generalerneuerung der 220 kV-Ennstalleitung in Schladming. Ein Team der Austrian Power Grid beantwortete Fragen und nahm Stellung zu Vorwürfen. Die Hoffnung auf Anpassungen schwinden. Ein Abweichen der Trasse ist nicht vorgesehen, auch ein Kabel schloss der Netzbetreiber dezidiert aus.

Ein Monat nach der kurzfristig geplatzten Informationsveranstaltung über die Generalerneuerung der 220-kV-Ennstalleitung, löste die Austrian Power Grid (APG) ihr Versprechen für eine Folgeveranstaltung ein. Der unabhängige Netzbetreiber lud letzten Dienstag, dem 15. November in den Schladminger Congress, um das Projekt vorzustellen. Im Anschluss nahm man sich reichlich Zeit, sämtliche Fragen zu beantworten. Bedenken um die Sicherheit erwiesen sich als unbegründet. Abgesehen von Zwischenapplaus und einigen wenigen Zwischenrufen ging die Veranstaltung manierlich und auf professioneller Ebene vonstatten. Nach der dreistündigen Diskussion folgten noch individuelle Gespräche.

Lange Vorlaufzeit

Moderatorin Ursula Bornemann begrüßte an die 130 Personen und erklärte vorab die Spielregeln. Bürgermeister Hermann Trinker führte in seinem Eingangsstatement aus, dass man die Ängste und Sorgen der Bürger ernst nehmen müsse. Er wolle rechtliche Möglichkeiten für die Gemeinde ausloten. Nach dem Einspruch der Stadtgemeinde Schladming im Frühjahr habe sich die APG bei ihm gemeldet und schon damals bat der Gemeinde-Chef den Netzbetreiber, das Projekt selbst vorzustellen. Bei der gemeinsamen Veranstaltung der Bürgerinitiative Fairkabeln Ennstal und der Stadt Schladming war es der APG nicht möglich zu erscheinen, die Informationsveranstaltung am 17. Oktober wurde aus Sicherheits- und Platzgründen abgesagt (der „Enns­taler“ berichtete).

Neue Leitung für 100 Jahre

Projektleiterin Stefanie Rakic erklärte die Eckdaten der Generalerneuerung. So müssten auf 73 Kilometer Trassenführung, bei 234 Masten sämtliche Komponenten und Fundamente getauscht werden – die Lebensdauer der 1949 errichteten Ennstalleitung neige sich dem Ende zu. Die neue Leitung wird für etwa 100 Jahre bestehen bleiben. Nachdem das Land Steiermark zu dem Schluss kam, dass eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) nicht erforderlich sei, erhob die Salzburger Umweltanwältin Einspruch. Das Bundesverwaltungsgericht wies den Einspruch jedoch ab. Einen Genehmigungsbescheid nach dem Starkstromwegegesetz (StWG) stellte die Behörde per 31. Oktober aus. Anhängig sind noch weitere Verfahren nach Naturschutz, Luftfahrt, Wasserrecht am Laufen. Es sei noch ein langer Weg, um diese Bescheide „in die Scheune zu fahren“, sagte der Rechtsvertreter der APG Christian Onz. Wichtig ist es der APG zu betonen, dass es sich um keinen Neubau, sondern um eine Erneuerung handelt.

Keine Angst vor einer UVP

Nach einer Projektpräsentation lud die Moderatorin ein, nach vor zu kommen und die Fragen an das APG-Team zu richten. Ein Hauptkritikpunkt zog sich beinahe durch die ganze Veranstaltung durch: Man werde vor vollendete Tatsachen gestellt, Alternativen wurden nicht in Betracht gezogen. Selbst mit kleinen Abweichungen könnte man Verbesserungen herbeiführen, hier beiße man bei der APG allerdings auf Granit. Bürgerinitiative-Mitbegründer und Gemeinderat Richard Walcher tritt für eine Erdverkabelung ein und eröffnete die Fragerunde: „Wieso verwehren Sie sich, dass es andere Möglichkeiten gibt?“ Dass man mit einer Generalerneuerung eine UVP umgehe, sei aus seiner Sicht ein „Winkeladvokatentrick“. „Wieso fürchten Sie sich so vor einer UVP?“, richtete Walcher die Frage ans Konsortium. Man fürchte sich nicht vor einer UVP, entgegnete Rechtsanwalt Christian Onz. Man habe die Behörde gefragt ob eine Umweltverträglichkeitsprüfung notwendig sei und die kam zu dem Schluss, dass das nicht der Fall sei.

Ost-West-Wechselspiel

Leitungsbauverantwortlicher Wolfgang Hafner versicherte, dass immer die optimale Übertragungstechnologie zum Einsatz komme. „Die Leitung hat eine hohe Bedeutung für ganz Österreich. Wir brauchen diese Erneuerung sehr dringend und der Zeitdruck ist sehr groß. Bis 2030/2040 müssen wir unser Energiesystem komplett umstellen“, schickte Asset Manager Klemens Reich hinterher. Die Ennstalleitung sei eine wichtige Verbindung für das Wechselspiel zwischen den volatilen (= unbeständigen, sprunghaften) Kraftwerken im Osten Österreichs und den Pumpspeicherkraftwerken im Westen. Überschüssige Energie könne man dadurch speichern und im Bedarfsfall wieder verstromen. Erdkabel-Vergleiche zur Schweiz und Italien würden hinken. Man müsse die Strommenge die durchgeht betrachten, wie auch das gesamte Energienetz. Italien baue hauptsächlich Freileitungen und die 380-kV-Energieringe in der Schweiz seien viel dichter.

„Hineinwidmen“ unerwünscht

Es sei ein „Schildbürgerstreich“ eine Leitung abzubauen und wieder über die Häuser drüberzubauen, warf Anrainerin Annemarie Nakel der APG vor. „Wir freuen uns nicht darüber“, antwortete Klemens Reich, aber es passiere sehr oft, dass Leitungen unterbaut werden. Anders als bei Eisenbahn und Straßenbau gebe es beim Stromleitungsbau keine Schutzzonen. „Wir kämpfen seit zwanzig Jahren dafür, dass Schutzzonen auch bei Planungstrassen eingehalten werden“, führt Unternehmenssprecher Christoph Schuh aus, aber Gemeinden könnten in die Trassen „hineinwidmen“.

Freiwillige Änderung?

„Sie stellen uns jetzt ein Projekt vor, das in Wirklichkeit schon längst entschieden ist“, monierte Vizebürgermeister Hans-Moritz Pott und stellte die Frage: „Sind Sie bereit, trotz dieses Bescheids Änderungen in gewissen Bereichen vorzunehmen? Es gebe die Bereitschaft von Anrainern und Bauern sich finanziell zu beteiligen. Wären Sie bereit, freiwillig eine Änderung vorzunehmen?“ Den Bescheid vom 31. Oktober werde man bekämpfen, so Pott. Es wurde eine Generalerneuerung eingereicht und das werde auch so bleiben, erteilte Christoph Schuh einer Änderung eine Absage.

Kein Wunschkonzert

Bürgermeister Hermann Trinker gab den Betreibern mit, ob es nicht sinnvoll wäre, gemeinsam mit der Bevölkerung über Alternativen nachzudenken und dadurch die Verfahren zu verkürzen. Unternehmenssprecher Christoph Schuh ist sich ob der „Quadratur des Kreises“ bewusst. Die Aufgaben der APG konkurrieren mit individuellen Ansprüchen. Es sei kein „Wunschkonzert“, sondern man habe dafür Sorge zu tragen, dass erneuerbare Energie verarbeitbar und integriert werde bei gleichzeitiger Kosteneffizienz. „Der Betreiber kann aufgrund seines Auftrages nicht auf Einzelne eingehen“, so Schuh. Ihm sei bewusst, dass das keine romantische und nette Botschaft sei, aber „es ist die Wahrheit“. Richard Walcher versuchte es mit einem weitern Appell: „Überwinden Sie dieses Salzburg-Trauma und versuchen Sie so wie im Weinviertel gemeinsam mit der Bevölkerung etwas zu entwickeln.“ Damit spielte er auf die jahrelange Verzögerung durch eine Bürgerinitiative beim Bau der Salzburg-Leitung an.

Hoffnung zerstreut

Christoph Schuh bedankte sich für das Interesse und versicherte, dass das APG-Team für spezifische Fragen verfügbar sei. Ein gemeinsamer Nenner konnte nicht gefunden werden und die Erwartungshaltungen des Abends drifteten merklich auseinander. Die APG informierte über das Projekt, den gesetzlichen Auftrag und erklärte warum die Umsetzung so vonstatten gehe. Bürgerinnen und Bürger erhofften sich Zugeständnisse und Anpassungen, doch „die Hoffnung zumindest an neuralgischen Punkten Änderungen herbeizuführen wurde zerstreut“, resümierte Fairkabeln-Ennstal-Mitbegründer Heinz Leitner.

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