Drei Spitäler ohne Ärzte oder ein Krankenhaus mit Ärzten?

Prim. Dr. Gerhard Melzer, Dr. Bernd Leinich, Dr. Karl Wohak, Dr. Klaus Karrer, Dr. Richard Rezar und Dr. Franz Ploder (v.l.) stellten sich dem "Runden Tisch", zu dem der "Ennstaler" geladen hat.Foto: Ennstaler

Damit sich die Bevölkerung eine neutrale Meinung über die künftige Gesundheitsversorgung im Bezirk Liezen bilden kann, hat der "Ennstaler" am Donnerstag vergangener Woche vier Spitalsärzte und vier niedergelassene Ärzte zu einem "Runden Tisch" eingeladen. Allgemeiner Tenor: Am geplanten Leitspital in Stainach-Pürgg führt aus medizinischer Sicht kein Weg vorbei, Diskrepanzen taten sich hingegen beim "Bereitschaftsdienst Neu" auf.
Ganz bewusst hat der "Enns­taler" zu dieser Veranstaltung, die im Sitzungssaal der Marktgemeinde Irdning-Donnersbachtal stattfand, keine politischen Entscheidungsträger eingeladen, vor allem um von vornherein den Anschein einer möglichen Beeinflussung auszuschließen. Trotzdem konfrontierte Redakteur Joachim Lindner gleich nach der Begrüßung - gekommen waren Prim. Dr. Gerhard Melzer vom LKH Rottenmann, Prim. Dr. Savo Miocinovic vom LKH Bad Aussee, Dr. Karl Wohak und Prim. Dr. Christian Kaulfersch von der Klinik Diakonissen Schladming sowie Dr. Klaus Karrer (niedergelassener Arzt in Schladming), Dr. Franz Ploder (niedergelassener Arzt in der Gemeinde Sölk), Dr. Richard Rezar (niedergelasener Arzt in Stainach-Pürgg), Dr. Friedrich Drobesch (HNO-Facharzt in Liezen) und Dr. Bernd Leinich (Geschäftsführer des Gesundheitsfond Steiermark) - die Spitalsärzte mit der provokanten Frage, ob die von ihnen Mitte Februar über die Medien veröffentlichten Statements zum geplanten Leitspital von der Politik (hier speziell von Gesundheitslandesrat Christopher Drexler) oder der KAGes (Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft) vorgegeben waren, was entschieden zurückgewiesen wurde. Eingangs brachte es Christian Kaulfersch auf den Punkt: "Man muss unterscheiden - wir leben im Jetzt und reden über 2025. Wir, und damit meine ich auch die Krankenhäuser in Rottenmann und Bad Aussee, sind aber schon jetzt mit Problemen konfrontiert - vor allem durch den Ärztemangel. Und diese Situation wird sich mit 1. Juli 2021, also mit der ‚Scharfstellung‘ des Arbeitszeitgesetzes für Ärzte (dann sind für Spitalsärzte nur noch maximal 25 Arbeitsstunden am Stück und durchschnittlich 48 Arbeitsstunden in der Woche zulässig, Anm.) dramatisieren. Damit müssen wir die Herausforderungen für die Zukunft lösen und das wird nur gehen, wenn man konzentriert und komprimiert. Dazu kommt, dass sich die Medizin rasant entwickelt. Die Bevölkerung genießt aktuell, gegenüber vielen anderen Ländern, eine sehr gute medizinische Versorgung und sie hat ein Recht, diese auch noch in 20 Jahren in Anspruch nehmen zu können. Doch das setzt ein Umdenken voraus." Savo Miocinovic ergänzte: "Im Zeitalter von Google und Co. weiß der Patient sehr genau Bescheid und er will eine qualitativ hochwertige Versorgung. Wenn wir die auch in Zukunft bieten wollen, dann müssen wir die Kräfte bündeln. Und das wird nur durch ein Zentralkrankenhaus, das der Bevölkerung auch entsprechende Leistungen bietet, möglich sein. Dazu muss man klar sagen, dass wir heute schon kein qualifiziertes Personal bekommen."
Volksbefragung irreführend
Für Dr. Karl Wohak ist es von wesentlicher Bedeutung, dass man das Leitspital nicht als isolierten Teil der Gesundheitsversorgung im Bezirk Liezen sieht: "Das Ganze funktioniert nämlich nur dann, wenn auch der niedergelassene Bereich strukturiert und gestärkt wird. Und zwar so, dass ein ambulanter Patient von den Allgemeinmedizinern und den Fachärzten behandelt und nicht mehr automatisch ins Krankenhaus geschickt wird. Diese beiden Bereiche sind eng miteinander verzahnt. Deswegen ist auch die Fragestellung für die Volksbefragung am 7. April völlig falsch und irreführend - sie betrifft nur das Leitspital und das macht keinen Sinn. Denn das Krankenhaus der Zukunft hat eine völlig andere Aufgabe, als es die Spitäler heute haben. Der Patient wird seine Behandlungen in seiner Nähe, also bei den niedergelassenen Ärzten, bekommen, und nur mehr dann im Krankenhaus aufgenommen werden, wenn dies auch notwendig ist. Wir erfinden das nicht neu - die skandinavischen Länder praktizieren dieses System schon seit längerem und dort funktioniert es. Natürlich hat die Umsetzung damals auch für Emotionen gesorgt, wie zum Beispiel in Dänemark, wo man auch mit den Ängsten der Bevölkerung gespielt hat. Die Ängste sind aber völlig aus der Luft gegriffen und gegenüber den Menschen höchst unfair."
Klartext sprach auch Gerhard Melzer: "Das Thema Leitspital wurde nicht von der Politik, sondern von uns kreiert - und das vor acht Jahren, obwohl es die ersten Ansätze dazu schon wesentlich früher gab. Bei unserem ersten Treffen kamen  Ärzte aus Rottenmann und Bad Aussee sowie Vertreter der Pflege, insgesamt sicher 25 Personen, zusammen um sich Gedanken darüber zu machen, wie es weitergehen soll, bevor das gesamte System gegen die Wand fährt. Dort haben wir schon gesagt, dass wir dieses Leitspital brauchen, weil die bestehenden Häuser keine Zukunft haben. Erst später wurde diese Idee von der KAGes aufgegriffen. Natürlich muss man auch verstehen, dass jeder Bürgermeister um sein Spital kämpft und dass diese Reform vor allem für Rottenmann eine Katastrophe ist. Man muss aber auch sehen, dass wir die Ärzte nicht mehr haben. Zum Beispiel in der Allgemein- und Unfall-Chirurgie: hier stehen unsere Chirurgen, die auch in der Nacht alles abdecken können, kurz vor der Pensionierung oder sind bereits im Ruhestand. Alles was danach kommt, ist entweder ein Facharzt für Allgemeinchirurgie oder eben Unfallchirurgie - der kann im Dienst entweder das eine oder das andere. Ab 2021 braucht man wahrscheinlich jeweils elf Fachärzte, um ein Dienstrad aufrechterhalten zu können." Christian Kaulfersch warf dazu ein, dass er noch das Glück hat, in der Unfallchirurgie genügend Mitarbeiter zu haben: "Das sind außer mir 17, die auch notwendig sind, um rund um die Uhr eine unfallchirurgische Versorgung in der Schladminger Klinik gewährleisten zu können. Darunter geht es nicht mehr." Daraufhin sagte Savo Miocinovic: "Mit 17 Mitarbeitern in Schladming geht es sich gerade aus, jetzt würden wir aber auch 17 in Bad Aussee und 17 in Rottenmann brauchen - in Summe also 51 in der Unfallchirurgie und wahrscheinlich ebensoviel in der Allgemeinchirugie. Ich glaube nicht, dass es in der gesamten Steiermark überhaupt so viele Fachärzte gibt. Und genau dort liegt das große Problem. Man muss auch der Bevölkerung klar sagen, dass man das derzeitige System unter all den genannten Voraussetzungen nicht mehr aufrechterhalten kann."
Geplante Abteilungen
Welche Abteilungen es im neuen Leitspital geben wird, erörterte Bernd Leinich vom Gesundheitsfond Steiermark: "Im neuen Spital werden in Zukunft mehr Fächer angeboten werden, als heute an allen drei Spitälern zusammen. Darunter Akutgeriatrie und Remobilisation (Spezialmedizin für den älteren Menschen, zum Beispiel nach Operationen eine rasche Wiederherstellung der Beweglichkeit), Chirurgie, Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Innere Medizin inklusive Dialyse, Orthopädie und Traumatologie (schwere Unfälle, geplante Operationen an den Knochen und Gelenken, zum Beispiel Hüftoperation), Palliativmedizin (Begleitung von Sterbenden, vor allem für Krebspatienten), Radiologie (Röntgen) und Intensiv-Medizin für Erwachsene (bei lebensbedrohlichen Krankheiten wie zum Beispiel Herz-Kreislaufproblemen oder schweren Infektionen wie Lungenentzündung). Dazu kommt neu eine ambulante und stationäre fachärztliche Versorgung für Kinder (eine Ambulanz für Kinder- und Jugendheilkunde). Wenn es medizinisch sinnvoll oder notwendig ist, kann das kranke Kind in einem Bett auch im Krankenhaus bleiben und wird von Kinderärzten versorgt. Ebenfalls neu ist eine ambulante Neurologie (Erkrankungen des Nervensystems, Schmerzbehandlung, Schlaganfallversorgung) und Zusammenarbeit mit der Abteilung für Innere Medizin und der Abteilung für Neurologie in Bruck an der Mur."
Skepsis für "Bereitschaftsdienst Neu"
Die Allgemeinmediziner sprachen sich zwar grundsätzlich für das neue Leitspital aus, äußerten jedoch auch große Bedenken, was die geplanten Ärztezentren und den neuen Bereitschaftsdienst betrifft, der mit 1. April in Kraft tritt. Klaus Karrer führte zum Beispiel an, dass er Einzelunternehmer bleiben und in keiner Gruppenpraxis arbeiten will. Seiner Meinung nach trägt die KAGes auch eine Mitschuld am Ärztemangel, weil die Ausbildungsbedingungen nicht gut sind und Managementfehler begangen wurden. Auch sei für ihn das neue Leitspital zu klein konzipiert: "Die Menschen werden bei größeren Eingriffen trotzdem in weiter entfernte Krankenhäuser ausweichen müssen."  Offen sei für ihn auch die Frage ob das Notarztsystem an den drei Stützpunkten aufrecht zu erhalten sei.
Für Franz Ploder kann das neue Konzept nur dann funktionieren, wenn gewisse Leistungen, die von den niedergelassenen Ärzten erbrachte werden können, auch an sie delegiert werden. Nachdenken sollte man auch über eine Psychiatrie: "Das muss nicht in Stainach-Pürgg sein, aber im Raum Obersteiermark. Es ist nämlich eine Zumutung für psychisch belastete Patienten, wenn sie jedesmal nach Graz müssen."
Richard Rezar sagte: "Man wird sehen, wie sich das Leitspital entwickelt und wie es medizinisch wirklich strukturiert ist. Es macht aber Sinn, wenn es mehr bietet als die bisherigen Häuser. Skeptisch sehe aber auch ich, wie der Großteil meiner Kollegen, den neuen Bereitschaftsdienst."
Eindeutiges Resümee
Das Resümee des Abends fiel jedenfalls ziemlich eindeutig aus: Die Bevölkerung wird sich auf ein neues System in der Gesundheitsversorgung einstellen müssen, da sich das derzeitige nicht mehr aufrecht erhalten lässt. Grundvoraussetzung für einen funktionierenden Ablauf muss aber sein, dass niedergelassene Ärzte, Fachärzte in Zentren und das neue Leitspital als gesamte Einheit der Reform gesehen und die Menschen im Bezirk Liezen auch darüber informiert werden. Die Bevölkerung am 7. April nur über das Leitspital zu befragen ist jedenfalls zuwenig - auch weil dazu keine Alternative erkennbar und vor allem realisierbar ist.

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