Montag, 23. Oktober 2017

Diskussion um ELI neu entfacht

Regisseurin Ulli Gladik, Textilunternehmer Ferdinand Roth und Raumplanungsexperte Stefan Lettner (v.r.) standen in der anschließenden Diskussionsrunde für Fachfragen zur Verfügung.

"Was ist der Preis, den wir für ELI, das neue Einkaufszentrum in unserer Stadt zahlen?" Diese Frage lockte unzählige Bürger, Politiker und Geschäftsleute der Bezirkshauptstadt am Dienstag letzter Woche zur Präsentation des Dokumentarfilms "Global Shopping Village - Endstation Kaufrausch" in das Arthouse Liezen. Und: Er entfachte die Diskussion um den geplanten Einkaufstempel aufs Neue. In einem zum Bersten vollbesetzten Kino präsentierte die Filmemacherin Ulli Gladik aus Murau ihr neuestes Werk. Fünf Jahre lang hatte sie mit ihrem Filmteam Shopping-Center-Entwickler bei ihrer Arbeit begleitet. Diese machten aus ihren Strategien kein Geheimnis und plauderten munter aus dem Nähkästchen: "Der Mensch will Sicherheit und es bequem haben. Und genau das bieten wir ihm. Wir stellen ihm direkt vor dem Einkaufszentrum einen Parkplatz zur Verfügung - keine Tickets, kein Kleingeld. Selbst bei Regen geht er trocken hinein. Simple, bequem und einfach. Und das ist es!" Doch welche Kehrseite diese Entwicklung mit sich bringt, wird schon kurz nach Filmbeginn klar. Die innerstädtische Bausubstanz ist die älteste der Stadt. Es ist teuer diese Häuser zu erhalten. Entzieht man dem Kern durch Shoppingzentren am Stadtrand die Bedeutung, geht der Einzelhandel im Stadtinneren nach und nach verloren. Die Mieten werden günstiger. Es siedeln sich Spielhallen, 1-Euro-Shops und Dönerläden an. Ein Abwertungsprozess beginnt. Die Vermieter verdienen weniger Geld, können ihre Häuser nicht mehr dementsprechend erhalten. Der Kern verfällt. Geschäfte stehen leer. Die Stadt ist nicht mehr lebenswert. Kulturgut geht verloren. Einwohner wandern ab. Ist auch Liezen in Gefahr durch ELI eine sterbende Stadt zu werden? Arbeitsplätze gehen verloren Der Film gewährt einen Einblick in die Situation unserer Nachbarn: Seit der Eröffnung des Shopping-Centers "Arena" in Fohnsdorf sind die Stadtzentren der umliegenden Städte Judenburg, Knittelfeld und Zeltweg vom Aussterben bedroht. Der Einzelhandel ist geschwächt. Viele Geschäfte mussten schließen oder ihre Mitarbeiteranzahl stark reduzieren. Zahlreiche Arbeitsplätze gingen verloren. Die Kennzahl, "jeder geschaffene Arbeitsplatz durch ein Shopping-Center vernichtet zwei bestehende", trifft hier zu. Ob Liezen ein gleiches Schicksal bevor steht, bleibt abzuwarten.  Wohnen im Einkaufszentrum Durch den großen Entertainmentbereich in den Einkaufszentren haben diese die Funktion vieler österreichischer Wohnzimmer übernommen. In der "Arena" in Fohnsdorf will man einen Schritt weiter gehen: In dieses Shopping-Center sollen bald Wohnungen integriert werden. Auf die Idee gestoßen wurde Centermanager Werner Gruber durch Fan-Feedbacks auf Facebook. Diesen Wünschen soll nun nachgekommen werden. Während sich die Shoppingzentren zu neuen Lebensräumen entwickeln, geht wertvolles Kulturgut, über Jahrhunderte aufgebaut, in den Innenstädten verloren. Widerstandskämpfer Doch kampflos will der traditionelle Einzelhandel nicht untergehen. Silvia Hartleb ist Betriebswirtin und Frontfrau des Vereins "Raumordnung". "Wir fordern bessere Voraussetzungen für die Einzelhändler in den Städten. Schluss mit neuen Verkaufsflächen. Die bestehenden müssen auch leben können", lautet Hartlebs Statement im Film. Den erbitterten Kampf gegen ein zweites Einkaufszentrum, nur 7 Kilometer von der "Arena" entfernt, hat sie gewonnen. Während der Dreharbeiten geht sie durch Judenburg, um Mitglieder für den Verein anzuwerben. Lange muss sie nicht suchen. "Wir haben nur mehr Samstag Vormittag geöffnet", hört sie von einer Lebensmittelhändlerin. "Wer geht schon noch ins Stadtzentrum von Judenburg einkaufen?"  Ein globales Problem Doch nicht nur national beschäftigte sich die Regisseurin Ulli Gladik mit der Thematik Shopping-Center. Das Problem ist ein internationales: Mega Mall Ruse in Bulgarien: 90 Prozent Leerstand. Erste Dead Mall in Kroatien: Fondanleger verlieren ihr Geld. Der Markt ist bereits gesättigt. Kaum mehr werden Shopping-Center außerhalb der Innenstädte entwickelt. Der Trend geht also hin zum innerstädtischen Shopping-Center. So wird die Kaufkraft dem Zentrum nicht entzogen. Und es gibt durchaus Vorzeigeprojekte, wie das LCS in Leoben oder das Alexa in Berlin. Ist ELI ein innerstädtisches Shopping-Center? Und genau so ein innerstädtisches Shopping-Center soll ELI in Liezen auch werden, ist sich Regierungskommissär Rudolf Hakel sicher: "Der Handel in Liezen stagniert bereits. Ich erhoffe mir durch ELI eine Belebung der Stadt. Denn ELI wird ein Shopping-Center in der Innenstadt", so Hakel während der anschließenden Diskussionsrunde. Dass durch ein innerstädtisches Shopping-Center nicht automatisch auch die Innenstadt belebt wird, wird jedoch rasch am Beispiel von Klagenfurt klar. Seit der Eröffnung des innerstädtischen Einkaufszentrums in der Kärntner Landeshauptstadt haben sich 1-Euro-Shops und Leerstände im Zentrum von Klagenfurt breit gemacht. Der Architekt und Städteplaner Walter Brune (88) hat sich sein Leben lang mit innerstädtischen Einkaufszentren und ihren Auswirkungen beschäftigt. Er weiß, um mit einem solchen Projekt den Kern auch wirklich beleben zu können, muss bei der Planung auf vieles geachtet werden: Das Shopping-Center muss an die Kernzone angeschlossen sein, Durchgänge haben und das Sortiment ergänzend zur Innenstadt sein. "Doch in Liezen wird dieser Austausch zwischen ELI und dem Kern schwierig werden. Es ist zu weit weg vom Zentrum", gab Stefan Lettner vom Beratungsunternehmen CIMA an diesem Abend zu bedenken.  Jammern allein hilft nicht Auch der erfolgreiche Textilunternehmer Ferdinand Roth stand als Diskussionspartner nach dem Film zur Verfügung. Roth ist Inhaber eines steirischen Modehauses mit Standorten in Leibnitz und Gnas. "Das klassische Anbieten ist vorbei. Ein Geschäft muss ständig neu ausschauen - nicht nur die Auslage. Der Laden muss zum Erlebnis werden. Um mithalten zu können, reichen keine verstaubten Kabinen mehr. Der Konsumwandel ist da. Da muss man sich anpassen. Nischen finden. Ein Unternehmer braucht Kraft, aber auch die Unterstützung der Gemeinde", weiß Roth.  Attraktive Innenstädte 2010 ist ein neues, strengeres Raumordnungsgesetz in der Steiermark in Kraft getreten. Der problemlose Bau eines Shopping-Centers auf der grünen Wiese wurde damit wesentlich erschwert. Nun heißt es Schadensbegrenzung forcieren und eine Co-Existenz zwischen Shopping-Center und Einzelhandel anzustreben, rät der Raumplanungsexperte Stefan Lettner (CIMA). Dafür bedarf es allerdings einer attraktiven Innenstadt. "Innenstädte sind multifunktional. Man hat hier Ärzte, Parks, Einkaufsmöglichkeiten - das hat ein Shopping-Center nicht. Es sind drei Trümpfe, über die der Kern verfügen muss: Service, Atmosphäre und Fachberatung. Aber es braucht auch ein vernünftiges Verkehrskonzept. Erreichbarkeit und Parkplätze müssen stimmen. Für Liezen wäre es gut, die Angebote zu trennen. Innenstadtangebot und Peripherieangebot, so dass sich beide ergänzen. Alles was innenstadtaffin ist, muss auch dort angesiedelt werden, auch wenn es mehr Aufwand bedeutet. Das intensive Bemühen, Standorte in der Innenstadt anzusiedeln, muss an der Spitze stehen", so Lettner abschließend.  Seit vergangenen Donnerstag läuft der Dokumentarfilm "Global Shopping Village - Endstation Kaufrausch" auch im Star Movie Liezen.

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